Erster Weltkrieg : Feldpostkartengrüße nach Wismar

Spannende Zeitreise mithilfe von Wismarer Feldpostkarten: Jannis Knüping (16), Katja Jensch, Hans-Joachim Witte (78), Dr. Nils Jörn und Ingeborg Michaelsen (87, v.l.).
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Spannende Zeitreise mithilfe von Wismarer Feldpostkarten: Jannis Knüping (16), Katja Jensch, Hans-Joachim Witte (78), Dr. Nils Jörn und Ingeborg Michaelsen (87, v.l.).

Schüler und Senioren recherchieren im Stadtarchiv, was Soldaten im Ersten Weltkrieg an ihre Angehörigen in der Hansestadt geschrieben haben

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02. März 2014, 00:00 Uhr

„Grüße an Paula“ - über Feldpostkarten kommen Stadtschüler den Menschen und Geschehnissen des Ersten Weltkrieges näher. Aus dem Museumsschatz soll ein Buch werden – eine höchst viel versprechende Auseinandersetzung mit dem, was die Soldaten ihren Wismarer Angehörigen geschrieben haben und der wirklichen Situation in Wismar während des Ersten Weltkrieges.

„Gesund und munter“, ist die Floskel, die Paul Jörß immer wieder an seine Tochter Paula schreibt. Was sonst sollte man einer 10-Jährigen schreiben, deren Vater in Frankreich stationiert wurde. Dass Kameraden sterben? Dass der Krieg schrecklich ist? Dass man Angst hat? Paul Jörß war Maler und Tapezierer in der Breiten Straße 11, er war schon 47 Jahre alt, als er einberufen wurde. „Paula war seine einzige Tochter“, so Kunsthistorikerin Katja Jensch, die das Feldpostkartenprojekt mit begleitet und viel über diesen Wismarer herausgefunden hat.

180 solcher Feldpostkarten mit Wismar als Bestimmungsort sind im Stadtgeschichtlichen Museum als großer Schatz erhalten, einen Großteil davon hat Paul Jörß an seine Tochter geschrieben, manchmal drei, vier Karten am Tag. Im Stadtarchiv wird dieser Fundus erstmals wissenschaftlich ausgewertet – mit Jürgen Michaelsen und seinen Schülern der Großen Stadtschule „Geschwister Scholl Gymnasium“ und mit Wismarer Senioren, die die Sütterlinschrift noch lesen können und die Postkarten „übersetzen“.

„Das Projekt interessiert uns, wir hatten das Thema im Unterricht“, so Paul-Erik Naumann, 16 Jahre alt. Schnell entwickelt sich mit Inge Debold (78) ein intensives Gespräch über das, was Paul Jörß 1917 seiner Tochter schreibt. „Viel Privates, wie sie sich in der Schule verhalten soll, dass sie gut Englisch lernen soll“, erzählt Inge Debold aus den Karten. „Den zweiten Weltkrieg habe ich selbst miterlebt, wie wird das nun von einem 16-Jährigen verarbeitet“, fragt sie die Schüler. Intensiv, wird schnell klar. Gerade, wenn die im Unterricht gelernten Zahlen und Fakten auf einmal einen Namen, eine Familie und eine ganz eigene Geschichte bekommen.

Die Schüler haben mit kritischen Recherchen im damaligen Mecklenburger Tageblatt heraus gefunden, was zu Kriegszeiten den Menschen erzählt wurde. „Man hat die Menschen angelogen“, so Paul. „Viel Propaganda“, fasst Phillip Langermann (16) zusammen. Mit einer kürzlich im Archiv entdeckten Chronik von Wismar im ersten Weltkrieg wird verglichen – was schreibt die Propagandamaschinerie, was schreibt Paul Jörß aus den Kriegsgebieten, wie hat damals Friedrich Techen die Situation in seiner Stadt mit dem Blick des Historikers bewertet?

Manch eine Spur auf einen ehemaligen Schüler der Großen Stadtschule haben die jetzigen Schüler so gefunden – Namen, die als Gefallene auf der Erinnerungstafel in der Schule auftauchen.



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