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Gadebusch-Rehnaer Zeitung

20. November 2017 | 20:24 Uhr

„Es puckert sehr erheblich“

vom

svz.de von
erstellt am 19.Mär.2012 | 07:04 Uhr

Lampenfieber? Respekt? Vorfreude? Mit welchem Gefühl tritt er sein Amt hier im Schloss Bellevue an? Joachim Gauck hält kurz inne, legt die rechte Hand aufs Herz. „Es puckert sehr erheblich, das ist jetzt mehr Respekt“, gesteht der neue Bundespräsident vor den Kameras, nimmt die Hand seiner Lebensgefährtin Daniela Schadt und schreitet über den Roten Teppich die Freitreppe zum Portal seines neuen Arbeitsplatzes hinauf. Kaiserwetter für das Präsidentenpaar. Willkommen zur Amtsübergabe. Ankunft in einer neuen Welt.


Horst Seehofer nimmt das Präsidentenpaar in Empfang. 30 Tage lang hatte er als Bundesratspräsident nach dem Wulff-Rücktritt die Rolle des Staatsoberhauptes übernommen, die Rolle des Vertreters unauffällig und routiniert bewältigt. Auch Christian Wulff ist noch einmal gekommen, um den Nachfolger zu empfangen und zu gratulieren. Nur einen Tag nach seiner Wahl zum Bundespräsidenten beginnt für Joachim Gauck die Arbeit. Ein paar freundliche Worte mit Seehofer und Wulff, der das Schloss bereits nach nur 40 Minuten wieder verlässt, und schon warten die Amtsgeschäfte. Der Präsident ernennt seinen engsten Vertrauten David Gill zum neuen Staatssekretär und Chef des Präsidialamtes. Der 45-jährige Jurist und Sohn eines Bischofs ist SPD-Mitglied, war Oberkirchenrat der Evangelischen Kirche in Deutschland und löst Lothar Hagebölling ab und wird künftig an den Sitzungen des Bundeskabinetts teilnehmen. Er hat nach der Kandidatenkür zuletzt bereits Gaucks Termine koordiniert und erste Vorbereitungen für die Präsidentschaft und den Aufbau eines Mitarbeiterteams getroffen.


Sprecher des Präsidialamtes soll Andreas Schulze werden, früherer Sprecher der Stasiunterlagen-Behörde, die Gauck zehn Jahre lang geführt hat. Bereits am Nachmittag versammelte das neue Staatsoberhaupt die 170 Mitarbeiter des Präsidialamtes im großen Saal des Schlosses zu einer Art ersten Personalversammlung und sprach über die wesentlichen Vorhaben seiner Amtszeit. Er wolle dafür sorgen, dass das Schloss Bellevue „kein abgeschlossener, abgehobener Ort“ werde, verspricht Gauck als Bürgerpräsident aufzutreten.


Der Neue im Schloss Bellevue – wie wird er das höchste Amt im Staate ausüben? Nüchtern pragmatisch oder glamourös eitel? Die breite Unterstützung in der Bundesversammlung von mehr als 80 Prozent und die hohen Zustimmungswerte in der Bevölkerung jedenfalls geben ihm den notwendigen Rückhalt für einen gelungen Start ins Amt. Heute nimmt Gauck am Festakt zum 800. Geburtstag des Leipziger Thomaner-Chores teil. Am Donnerstag dann der erste Staatsempfang mit militärischen Ehren und abendlichem Bankett für Tsakhia Elebegdorj und dessen Frau. Vorsichtige Gehversuche auf schwierigem protokollarischen und diplomatischen Terrain. Und schließlich die Teilnahme an der Preisverleihung der Herbert-Quandt-Stiftung – Termine, die er noch von seinem Vorgänger übernommen hat. Den ersten Antrittsbesuch im Ausland will Gauck in Warschau machen, ein Zeichen der Verbundenheit für das Nachbarland und die Freiheitsliebe dort.


Am Freitagmorgen dann die Vereidigung im Bundestag durch Parlamentspräsident Norbert Lammert (CDU). Ein letzter formaler Akt. Die Amtsgeschäfte übt Gauck bereits aus. Mit Spannung wird seine erste große Rede erwartet. Eine Art Präsidentschafts-Agenda, in der er die Schwerpunkte seiner Amtszeit beschreiben will. Seit Tagen arbeite der Präsident an der Rede, heißt es. Später bei der Rückkehr ins Schloss Bellevue wird er im Park von der Bundeswehr feierlich mit militärischen Ehren empfangen. Viel Zeit, sich einzuarbeiten und an die neue Aufgabe zu gewöhnen bleibt ihm nicht. Eine 100-Tage-Schonfrist, wie sonst im politischen Geschäft üblich, wird es nach den Turbulenzen der Vergangenheit im Amt kaum geben.

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