zur Navigation springen

Zerstörung des Gotischen Viertels : Erinnerungen an die Bombennacht

vom
Aus der Redaktion der Gadebusch-Rehnaer Zeitung

Landesbischof Ulrich spricht nachdenklich, mahnend und sehr persönlich zum 69. Jahrestag der Zerstörung des Gotischen Viertels

„Mein Opi war ein Held, habe ich gedacht.“ Mit sehr privaten Einblicken und Erinnerungen gedachte Gerhard Ulrich am Dienstag in der St. Georgen-Kirche zu Wismar der Zerstörung des Gotischen Viertels vor nunmehr 69 Jahren und der zahllosen Opfer des nationalsozialistischen Terrors.

Doch der Großvater des heutigen Landesbischofs der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland (Nordkirche) war kein Held. Eine Erkenntnis, die dem heute 63-jährigen aber erst später, viel später kam. „Es hing ein Bild im Wohnzimmer meiner Großeltern, ein vergrößertes Foto meines Großvaters in Majorsuniform. Aufgenommen irgendwo in Weißrussland. Immer hatte mich der Blick meines Opis darauf irritiert. Er war so seltsam, dass er mir Angst machte.“

Im Rahmen einer Ausstellung, die die Verbrechen der Wehrmacht dokumentierte, „... und die von zum Teil wütenden Versuchen begleitet war, das Erinnern zu verhindern, fand ich dieses Foto wieder.“. Und Gerhard Ulrich merkte, dass das Wohnzimmer-Foto aus der Kinderzeit nur ein Ausschnitt gewesen war. „Jetzt war zu sehen, dass mein Opi zu einem Kommando gehört hatte, das Gefangene zu töten hatte.“ Seine Erinnerung werde nunmehr auf immer bestimmt sein von diesem Bild und gehöre seitdem zu seiner Geschichte.

„Der Blick zurück ist unverzichtbar für einen geschärften Sinn in der Gegenwart und für ein verantwortungsvolles Wirken in ihr. Ohne Vergewisserung des ‚Woher‘ keine Gewissheit für das ‚Wohin‘. Zukunft braucht Erinnerung“, sagte Ulrich anlässlich des 69. Jahrestages der Zerstörung des Gotischen Viertels in Wismar. Und: „Wir brauchen Orte, an denen sich unser Erinnern festmacht“

In der Nacht vom 14. auf den 15. April 1945 hatten britische Bomber einen erheblichen Teil des historischen Stadtkerns zerstört. „Da wurden Wunden gerissen, die über Jahrzehnte spürbar und sichtbar geblieben sind und es auch in der Zukunft noch bleiben werden – ungezähltes Leid von Menschen und gleichsam im ‚Baukörper‘ der alten Hansestadt Wismar“, sagte Ulrich. Es sei gut, dass alljährlich am 14. April an die verheerenden Bombenangriffe erinnert würde. Denn: „Menschsein heißt für mich, eine Geschichte zu haben, in Geschichte und Geschichten zu leben“, so der Landesbischof der Nordkirche. Der 14. April sei „ein Tag gegen das Vergessen und Verdrängen!“

Und auch Thomas Beyer fand mahnende Wort der Erinnerung, mahnende Worte gegen das Vergessen. „Wir müssen immer wieder daran erinnern, dass es die nationalsozialistische Ideologie war, die es möglich machte, dass Menschen sich über Menschen erhoben und einstuften in Über- und Untermenschen“, so der Bürgermeister der Hansestadt Wismar. „Lassen Sie uns aber auch daran erinnern, dass Hass und Nationalsozialismus überwunden werden konnten und ein Aufbau nach dem Krieg möglich war. So auch der Wiederaufbau dieser Kirche. Freuen wir uns über diesen Wiederaufbau und bleiben wir wach, dass Zerstörung und Vernichtung nicht wieder um sich greifen können.“

 

Karte
zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen