25 Jahre Deutsche Einheit : Erinnerung ist wie ein Mosaikstein

Wie wichtig ist Geschichte? Darüber diskutierten Ingolf LItzner, Dietrich Voß, Renate U. Schürmeyer und Ingo Melchin (v. li.) , moderiert von Siv Stippekohl (Mitte).
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Wie wichtig ist Geschichte? Darüber diskutierten Ingolf LItzner, Dietrich Voß, Renate U. Schürmeyer und Ingo Melchin (v. li.) , moderiert von Siv Stippekohl (Mitte).

Künstler, Lehrer und Kommunalpolitiker diskutierten in Schlagsdorf über die Frage, wie viel Vergangenheit unsere Gesellschaft prägt.

Wie viel Vergangenheit prägt unsere Gegenwart? Unter diesem Motto lud das Grenzhus zur Podiumsdiskussion nach Schlagsdorf. Diskutanten waren die Urheberin des „Schutzraum Erinnern“ Renate U. Schürmeyer (Jeese), Pastor i.R. Dietrich Voß (Schönberg), Ingolf Litzner (Schulleiter Gymnasium Gadebusch) und der Schlagsdorfer Bürgermeister Ingo Melchin. Moderiert wurde die Veranstaltung durch NDR-Journalistin und Buchautorin Siv Stippekohl (Ratzeburg).

Wie wichtig ist es, sich zu erinnern? Gibt es nur eine gültige Geschichtsschreibung? Oder hat jeder – davon unabhängig – seine eigene? „Wir müssen differenzieren zwischen Vergangenheit und Geschichte“, betonte Ingolf Litzner. Vergangenheit, so der Schulleiter, bewahre durch lebende Zeitzeugen den Bezug zur Gegenwart. Geschichte beginne, wenn es diese nicht mehr gebe. Der individuelle Blick auf die Vergangenheit ist subjektiv geprägt. „Großväter und Großmütter erzählen ihren Enkeln ihre sehr persönliche Version. Die steht zuweilen im krassen Gegensatz zur offiziell vermittelten Darstellung", sagt Litzner. Denn Erleben wird geprägt von Wahrnehmung, und Wahrnehmung wird bestimmt durch Lebensumstände und Wissen. Dabei ist die persönliche Erinnerung deswegen nicht falsch, sondern ein kleiner Mosaikstein des großen Ganzen. „Oft genug wird geschönt, ausgeblendet. Die Enkelgeneration, unsere Schüler, geraten darüber nicht selten in einen echten Zwiespalt.“ Litzner erlebt das häufig im Schulalltag.

Um dieses Thema ging es Renate U. Schürmeyer bei der Schaffung des „Schutzraum Erinnern“. Der kleine Holzbau auf dem Parkplatz des Grenzhus bietet seit Mai und noch bis Oktober die Möglichkeit, anonym kleine persönliche Erinnerungen an die Zeit vor der Grenzöffnung auszuhängen. „Viele Bürger in Schlagsdorf sind verärgert darüber, dass dafür eine nicht unerhebliche Summe aufgewendet wurde“, gibt Bürgermeister Ingo Melchin zu bedenken.

Dass Vergangenheit und Geschichte die Gegenwart prägen, dass Erinnern daran nötig ist, darin sind sich alle einig. Auch wenn über das Wie diskutiert werden kann. Michael Schulz (Hamburg) macht keinen Hehl aus seiner Vergangenheit: „Der erste Eintrag in meiner Stasi-Akte stammt von meiner Klassenlehrerin – ich war damals acht Jahre alt.“ Seit seinem elften Lebensjahr wurde er immer wieder von der Stasi festgenommen. Später flüchtete er in den Westen und ist heute im Bundesvorstand der Union der Opferverbände kommunistischer Gewaltherrschaft. „Mir gefällt die Idee sehr. Es ist ein Schutzraum im ehemaligen Schutzraum 5-km-Streifen. Wer hier lebte, lebte eine andere DDR-Vergangenheit als anderswo.“ Und die Hälfte der Schlagsdorfer wohnte hier schon zu DDR-Zeiten. Ihre Geschichten haben keine Ähnlichkeit mit der von Michael Schulz.

Fehler erkennbar machen, Demokratie als wertvolle Errungenschaft und Resultat von Vergangenheit und Geschichte zu begreifen, darum gehe es. „Geschichte zu vermitteln ist ein wichtiger Teil der Werteerziehung“, resümiert Schulleiter Litzner. Damit prägt sie nicht nur die Gegenwart, sondern auch die Zukunft. 

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