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Gadebusch-Rehnaer Zeitung

12. Dezember 2017 | 07:36 Uhr

Ambulanter Hospizdienst : Einfach nur da sein

vom

Eine Krankheit heilen, das kann Annerose Hohlfeld nicht. Aber sie kann schwerstkranken Menschen das zurück bringen, was ihnen der Kampf gegen den Tod geraubt hat: Alltagsnormalität und das Gefühl, nicht alleine zu sein.

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erstellt am 23.Dez.2011 | 07:09 Uhr

Kuhlrade/Lüdersdorf | Eine Krankheit heilen, das kann Annerose Hohlfeld nicht. Aber die ehrenamtliche Mitarbeiterin des ambulanten Hospizdienstes kann schwerstkranken Menschen für einige Stunden das zurück bringen, was ihnen der Kampf gegen den Tod und die Angst vor dem Lebensende geraubt hat: Alltagsnormalität und das Gefühl, nicht alleine zu sein.

Am liebsten sitzt Hans-Joachim Armerding im Wintergarten seiner kleinen Lüdersdorfer Mietwohnung. Hier ist es hell, hier hat er freien Blick auf den Wald und die Schafe, die auf der Wiese davor Gras fressen. Auf dem Tisch vor ihm liegt ein Heft voller ungelöster Kreuzworträtsel. Armerding will sie bald lösen, denn auch mit 78 Jahren wird er nicht müde, seinen Verstand heraus zu fordern. Einen wachen Verstand, der ihm hilft, fast lückenlos Erinnerungen abzurufen, druckreife Sätze zu formulieren und klare Gedanken zu fassen. Sein Verstand sagt ihm auch: "Da musst Du durch". Aber der Krebs, der in Armerdings Lunge sitzt, ist tückisch, tückisch und lebensbedrohlich. Im vergangenen Jahr, kurz vor Weihnachten, kam die Diagnose Bronchialkarzinom. Die Schatten auf der Lunge verschwanden nach den Bestrahlungen, aber sie kamen zurück. Jetzt bekommt der Witwer Chemotherapie. Die Sitzungen sind anstrengend. "Das zehrt an meinen Kräften", sagt Hans-Joachim Armerding. "Da musst Du durch", sagt sein Verstand einmal mehr und versucht das zu verdrängen, was sich immer wieder in den Vordergrund drängen will: die Angst, den zermürbenden Kampf zu verlieren.

Weihnachtsente und Finanzamt, das sind die Themen, über die sich Annerose Hohlfeld und Krebspatient Armerding an diesem grauen Dezembernachmittag unterhalten. "Ich bringe ein bisschen Alltagsnormalität", sagt die 58-Jährige, die seit März schon oft in Armerdings Wintergarten gesessen hat. Reden, zuhören, schweigen. Die beiden verstehen sich, denn ein Vertrauensverhältnis ist in den neun Monaten gewachsen. Doch Annerose Hohlfeld hat es in ihrem Ehrenamt nicht oft mit Menschen zu tun, die sie über solch einen langen Zeitraum begleitet.

28, eine nüchterne Zahl, hinter der sich bewegende Geschichten verbergen. Sie erzählen von Krankheit, Hoffen, Bangen und Sterben. 28, das ist die Zahl der Menschen, denen Annerose Hohlfeld in diesem Jahr zur Seite stand, bis sie gestorben sind. "Manche von ihnen kannte ich nur einige Wochen", sagt Annerose Hohlfeld mit ruhiger Stimme. Zu viele Emotionen, zu viel Nähe zu den Kranken, das hat sie die siebenjährige Tätigkeit in der ambulanten Hospizarbeit gelehrt, das ist nur schwer zu ertragen, wenn es wieder an der Zeit ist, Abschied zu nehmen. "Ich bin doch noch so jung. Warum ich?", wird sie gefragt. Sie kann diese Frage nicht beantworten, aber sie sagt: "Ich halte das mit Ihnen aus". Und sie ist da, einfach nur da, hält abends die Hand des Mannes, der in der selben Nacht mit 58 Jahren stirbt und den sie drei Wochen zuvor erst kennen gelernt hatte.

Der aufgebrühte Tee dampft, der betagte Collie Cuno ist eingedöst und in der Stube der alten Kate in Kuhlrade ist es wohlig warm. Diese Umgebung braucht die gebürtige Bautzenerin , um abzuschalten. Eigentlich hat die Mutter von zwei Söhnen und Oma von drei Enkelkindern in diesen Tagen vor Weihnachten Urlaub, doch einige Besuche hat sie trotzdem gemacht. Sie ist in Krankenhäusern, Pflegeheimen und in Privathaushalten in Nordwestmecklenburgs und Wismar im Einsatz. Und sie ist dann zur Stelle, wenn Kranke selber, Angehörige, Ärzte oder Seelsorger eine der insgesamt 52 Ehrenamtlichen der ambulanten Hospiz der Caritas und Diakonie in Wismar und Schwerin anfordern.

Als Annerose Hohlfeld 2005 arbeitslos wurde, da kreuzte sich ihr Weg mit dem von Dorothea Lietz, die die Einsätze der Ehrenamtlichen koordiniert. Hospizarbeit, das konnte sich die gelernte Bibliothekarin, die schon viel Literatur über dieses Thema gelesen hatte, gut vorstellen. Es folgte eine Ausbildung zur ehrenamtlichen Hospitzmitarbeiterin, bevor es zu den ersten Einsätzen ging. Einfühlungsvermögen - das ist eine der Haupteigenschaften, die eine Hospiz-Mitarbeiterin braucht. "Frau Hohlfeld besitzt dieses Einfühlungsvermögen", sagt Dorothea Lietz. Doch nicht immer nehmen die Patienten die Hilfe der Hospiz-Mitarbeiterin an. Ärzte, Pflegepersonal, Physiotherapeuth - viele Menschen gehen bei den Schwerstkranken ein und aus. "Und jetzt komme auch noch ich. Viele sind da einfach überfordert", weiß Annerose Hohlfeld. Überfordert, das sind auch viele Angehörige, die kranke Familienmitglieder pflegen. Ihnen ein paar Stunden Freiraum zu verschaffen, auch dazu sind Hohlfeld und Co da.

Eine Einladung zu einer Tasse Kaffee, ein kleines Dankeschön, ein warmer Händedruck - es sind kleine Gesten, mit denen die Kranken zeigen, wie wertvoll ihnen Menschen wie Annerose Hohlfeld sind. Einmal hat der Arzt seinen Patienten Hans-Joachim Armerding gefragt, wie er nach dem Tod seiner Frau denn so alleine klar komme. "Ich bin nicht allein", hat Armerding gesagt, "ich habe doch meine Tochter und Frau Hohlfeld."

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