seltener beruf : Eine tote Taube im Eisfach

Das Mufflonfell wird mit Alkohol entwässert und konserviert, damit daraus eine Kopf-Schulter-Montage entstehen kann: Präparator Klaus-Dieter Jost mit seiner Praktikantin Stefanie Radtke (23).
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Das Mufflonfell wird mit Alkohol entwässert und konserviert, damit daraus eine Kopf-Schulter-Montage entstehen kann: Präparator Klaus-Dieter Jost mit seiner Praktikantin Stefanie Radtke (23).

Stefanie Radtke macht ein Praktikum beim Präparator

svz.de von
30. März 2014, 04:30 Uhr

Abziehen und entfleischen: Während andere die Nase rümpfen oder mit Schrecken an die letzte Mahlzeit denken, guckt Stefanie Radtke ganz genau hin. Die junge Wismarerin ist schon seit mehreren Monaten Praktikantin bei Klaus-Dieter Jost, dem Wismarer Tierpräparator.
„Meinst du, da kann man noch was draus machen?“, fragt sie den Fachmann mit Blick auf die „Türkentaube“. Am Soldatenfriedhof hat sie das verendete Tier gefunden, mitgenommen und übers Wochenende ins heimische Eisfach gelegt. So denken Tierpräparatoren. Die 23-Jährige denkt auch schon so. Klaus-Dieter Jost ist erstmal skeptisch.

„Der Kopf sieht sehr eingefallen aus, hoffentlich ist sie nicht vertrocknet.“ Wenn die Taube schon zu lange lag, könnten die Fäulnisprozesse die wertvolle Tierhaut schon angegriffen haben. „Wir werden sehen, wenn der Körper aufgetaut ist.“ Heißt, wir gucken mal nach und schneiden ihn auf.
Spätestens da würden viele „aussteigen“. Stefanie Radtke nicht. „Etwas Kreatives mit Natur und Tieren“, wollte sie nach dem Abitur machen. Hat lange nach etwas gesucht, was diesem Anspruch gerecht werden könnte. Der Job des Tierpräparators könnte es sein.

„Die Freunde und Verwandten reagieren schon komisch, wenn ich erzähle, wo ich arbeite“, schmunzelt sie. „Aber sie akzeptieren, dass ich das interessant finde. Dass sie selbst so etwas nicht machen würden, ist eine andere Sache.“ Sie erzählt von ihrem ersten Mal, als sie dem Fachmann Jost bei einer Präparation über die Schulter schauen durfte. „Ich finde das gar nicht eklig!“
Bei „ihrer“ Türkentaube wird sie vielleicht schon mehr machen dürfen – vorausgesetzt, das Tier ist noch für eine Präparation geeignet. Sie weiß aber, wie viel anatomisches Fachwissen und handwerkliches Geschick nötig sind, damit aus der knochen- und fleischlosen Haut wieder das Tier wird, nicht mehr lebendig, aber präpariert fast für die Ewigkeit. „Die Haut wird abgezogen, entfleischt, entfettet, gewaschen und mit einem Fön getrocknet. Dann wird aus Holzwolle der Körper des Tieres wieder aufgebaut und die Haut mit ihren Federn daran befestigt.
Stefanie Radtke möchte nun erstmal heraus finden, ob sie zur Präparatorin taugt. Klaus-Dieter Hoppe macht ihr Mut: „Die besten Präparatoren sind Frauen, die haben viel mehr Sinn für Ästhetik als wir Männer.“ Für die Ausbildung müsste die junge Wismarerin dann nach Bochum gehen – nur noch dort wird die dreijährige schulische Ausbildung zur „Staatlich geprüften Präparationstechnischen Assistentin“ angeboten. „Ein seltener Beruf“, so Präparator Klaus-Dieter Jost. Seine Arbeiten sind unter www.tierpräparation-jost.de im Internet anzuschauen – oder einfach in die Wismarer Weberstraße 8 kommen.


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