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Gadebusch-Rehnaer Zeitung

16. Dezember 2017 | 00:40 Uhr

DEUTSCHE EINHEIT : Eine grenzenlose Freundschaft

vom
Aus der Redaktion der Gadebusch-Rehnaer Zeitung

Ein Luftballon samt Grußkarte führte in den 1980er-Jahren zwei Familien aus Ost und West zusammen. Die Freundschaft hat bis heute Bestand

von
erstellt am 01.Okt.2015 | 23:58 Uhr

Ein Luftballon, der über die Grenze flog, war einst der Beginn für eine wundersame Freundschaft. Sie begann, als Deutschland noch in Ost und West geteilt war. Und sie hält bis heute, 25 Jahre nach der Wiedervereinigung, an.

Der Westwind hatte den Ballon Anfang der 1980er-Jahre über die Grenze nach Osten getrieben. 150 bis 200 Kilometer war er unterwegs und hatte einen Zettel mit der Anschrift der Familie Behrens aus Hambergen (Niedersachsen) dabei. Auf einem Rübenacker bei Marienthal fand Karl-Heinz Göbel diesen Ballon und die Kinder der beiden Familien aus der DDR und BRD begannen sich zu schreiben.

Dem Ministerium für Staatssicherheit dürfte diese Brieffreundschaft nicht entgangen sein. 14 Stasi-Leute waren auf die Roggendorfer Familie angesetzt. Einer der Gründe: Karl-Heinz Göbel gehörte seit Anfang der 1980er-Jahre der Bauernpartei in Roggendorf an, die personell immer stärker wurde. So stieg die Mitgliederzahl unter seiner Leitung von fünf auf 42.

„Große Teile unseres Lebens konnten wir später in unserer Stasi-Akte nachlesen. Die wussten sogar, was für eine Anbauwand wir in unserer Wohnstube hatten und wie unsere Kinder gekleidet waren“, sagt Karl-Heinz Göbel.

Damals, in den 1980er-Jahren, wohnten die Göbels noch in einer Mietwohnung in Roggendorf. Das Elternhaus von Irmgard Göbel war der Familie in den 1970er-Jahren weggenommen worden, weil die Staatssicherheit auf dem 93 Meter hohen Hellberg bei Roggendorf einen Abhörposten unter dem Decknamen „Falke“ ausbaute. Von hier aus gelang es, u. a. den Funkverkehr von Teilen der Bundeswehr abzuhören.

Bis zur Wende konnten die Göbels das elterliche Grundstück auf dem Hellberg nicht mehr betreten. Danach begann ein juristischer Kampf um die Rückübertragung. „Das war ein Nervenkrieg“, sagt Irmgard Göbel. Schließlich fällte 1995 ein Gericht das Urteil zu Gunsten der Familie Göbel.

Viele Details aus dem Leben der Göbels kennen die Niedersachsen Johann und Gisela Behrens. Ihre Freundschaft wurde seit der ersten Kontaktaufnahme per Brief zu einer immer stärkeren Verbindung. „1987 waren wir das erste Mal hier in der damaligen DDR. Das war eine sagenhafte Fahrt. Wir mussten damals über Gudow einreisen und haben sogar noch einen Wagen, dem der Sprit ausgegangen war, abgeschleppt. Auf jeden Fall entwickelte sich eine jahrelange Freundschaft“, sagt Johann Behrens.

An einen Gegenbesuch der Roggendorfer in Niedersachsen war zu Zeiten des Eisernen Vorhangs nicht zu denken. „Ich durfte noch nicht einmal in die Bundesrepublik zur Beerdigung meiner Schwester. Meine kranke Mutter, die ich dorthin begleiten wollte, verzichtete daraufhin aus Protest auf die so genannte West-Reise“, erinnert sich Karl-Heinz Göbel.

Bis heute unvergessen ist für beide Familie der 9. November 1989. Noch am selben Abend machten sich die Göbels mit ihrem Wartburg auf den Weg gen Westen. Mit „Springer Urvater“ stießen die Familien am späten Abend in Schleswig-Holstein auf den Mauerfall an.

„Die Göbels waren in unserem Ort die Ersten aus der DDR. Als wir uns gesehen haben, sind uns die Tränen gekommen“, betont Gisela Behrens. Sie und ihr Mann mussten zudem eine Stiege Sekt organisieren, da sie Wettschulden begleichen wollten. So hatten sie noch im August 1989 dagegen gewettet, dass die Göbels sie noch im selbigen Jahr in der BRD besuchen würden. „Wir hätten nie damit gerechnet, dass die Mauer fallen würde“, sagt Johann Behrens.

Der Tag der Deutschen Einheit hat für beide Familien also eine besondere Bedeutung. „Im Grund genommen haben wir aber mit dieser Freundschaft die Einheit schon ein paar Jahre vorher vollzogen“, sagt Karl-Heinz auf dem Hellberg bei Roggendorf.

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