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Schreiben lernen : Ein Plädoyer für die Schreibschrift

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Aus der Redaktion der Gadebusch-Rehnaer Zeitung

Der Kulturkampf um die neue Grundschrift zieht seine Kreise. In Gadebusch gibt es kaum Verfechter der Druckschrift.

svz.de von
erstellt am 04.Feb.2015 | 23:59 Uhr

Begeistert blättert Kornelia Neuhaus-Kühne durch Jahrhunderte alte Schriftstücke. Sie ist Leiterin des Gadebuscher Amtsarchivs und hat tagtäglich mit den verschiedensten Dokumenten zu tun. „Unser ältestes Schriftstück ist aus dem Jahr 1616. Es stammt aus einer Schneiderinnung.“ Die Eigenheiten der Schreibschrift sind für die gelernte Schrift- und Grafikmalerin noch immer faszinierend. „Die persönliche Handschrift ist wie ein genetischer Fingerabdruck“, der sich auch durch die unzähligen Dokumente des Archivs ziehe, sagt sie. Über 400 laufende Meter an Aktenschränken füllen derzeit das Gadebuscher Stadtarchiv. Und „jeder, der schreibt, hat seinen eigenen Stil. Der ist unverkennbar“, sagt Neuhaus-Kühne.

Aber wie nötig ist eine solche Schreibschrift in Zeiten fortschreitender Digitalisierung noch? Wo immer wir hinblicken erwarten uns Druckbuchstaben. Sei es in der Zeitung, auf Plakaten, im TV oder als Logo auf unseren alltäglichen Gebrauchsgegenständen. Warum also noch die Schreibschrift erlernen, wenn wir überall nur noch die Druckschrift sehen?

„Die Schreibschrift muss unbedingt erhalten bleiben. Bei ihr sind die Bewegungen flüssiger, sie geht schneller von der Hand und fördert zudem die Denkleistung der Schüler“, sagt Tina Leo. Sie ist seit 26 Jahren Lehrerin an der Grundschule in Gadebusch. Auch Kollegin Grit Scharnagel – seit 30 Jahren Lehrerin – teilt diese Meinung. „Die eigene Handschrift zeigt die Persönlichkeit eines Menschen. Das kann eine Druckschrift meiner Meinung nach nicht leisten.“ Trotzdem sind sich beide Lehrerinnen einig, dass auch die Druckschrift ihre Berechtigung in der Schule hat. Vor allem, da sie den Alltag der Kinder so stark prägt.

Im Rahmenplan der Grundschulen in Mecklenburg-Vorpommern ist das Erlernen beider Schrifttypen nach einander festgelegt. Dabei erlernen die Schüler als Erstschrift die unverbundene, serifenlose Druckschrift, da sie das optische Durchgliedern der Wörter unterstützt. So lernen die Schüler sinnvolle Bewegungs- und Schreibabläufe kennen und lernen, ihre motorischen Fähigkeiten auszubauen. Die Schreibschrift wird erst eingeführt, sobald die Steppkes die meisten Buchstaben kennen, die Druckschrift sicher lesen können und ihre feinmotorischen Fertigkeiten entsprechend ausgeprägt sind. Es werden also nicht zwei verschiedene Schriftarten gelehrt, sondern die Schüler entwickeln aus der Druckschrift heraus ihre eigene Handschrift. Und diese ist, da sind sich Ministerium und Lehrer einig, ein Kulturgut. „Die Schreibschrift gehört zu den wichtigen Kulturtechniken und muss auch weiterhin in den Schulen vermittelt werden“, erklärt dazu auch Bildungsminister Mathias Brodkorb.

Anders sieht das der Grundschulverband mit Bundesgeschäftsstelle in Frankfurt am Main. Dieser möchte den jungen ABC-Schützen das Erlernen der Schrift erleichtern, indem sie das Lesen und Schreiben mit nur noch einem Schrifttypus erlernen. Der aus Druckbuchstaben bestehenden „Grundschrift“. So seien nach Ansicht des Grundschulverbands Lesen- und Schreibenlernen nicht mehr getrennte Lernvorgänge, sondern eine Einheit. Sei das Schreiben dann gleich an den Buchstabenformen der Leseschrift orientiert. Dieser Vorschlag löst bundesweit hitzige Debatten aus. In manchen Bundesländern wie Bayern, Bremen und Hamburg gab es in der Folge bereits Modellversuche für eine Grundschule ohne die Schreibschrift.

Eltern und Lehrer in Mecklenburg-Vorpommern dürfen aber aufatmen. Wie ein Sprecher des Ministeriums für Bildung bestätigte, werde die Schreibschrift hier definitiv erhalten bleiben, auch wenn die Debatten weitergehen. Außer Acht lassen darf man bei dieser Diskussion auch nicht die Schüler selbst. Für die geistige Entwicklung ist der Schritt von Druckbuchstaben zur verbundenen Schrift eine große Denkleistung, die sich früher oder später auszahlt. Im Erwachsenenalter schreibt kaum noch jemand in verbundener Schreibschrift. Beim Schnellschreiben ersetzt auch manchmal ein Strich einen Buchstaben oder Verbindungen werden ausgelassen. Der Übergang von komplett verbundenen Wörtern zu dieser etwas lockereren Schreibschrift ergibt sich mit der Zeit ganz von selbst. Es ist ein Lernprozess, den man Grundschülern aber nicht vorenthalten sollte. Denn die Handschrift ist etwas ganz individuelles und setzt einen persönlichen Lernprozess voraus.

Ginge es nach der Leiterin des Amtsarchivs, Kornelia Neuhaus-Kühne, könne daher in den Schulen eher auf die Druckschrift verzichtet werden. „Die entwickelt sich im Alltag von ganz allein“, findet sie. Dagegen sei eine ganz persönliche Handschrift doch eine schöne Alternative zu den immer gleichen Zeichen, die wir auf Tastatur und Smartphone tippen.

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