Wismarer Geschichte : Ein Lottoschein fürs Stadtarchiv

<strong>Historiker Dr. Nils Jörn (links)</strong> präsentierte den Gästen die Archivalie des Monats und damit eine Reise ins Wismar des 18. Jahrhunderts. <fotos>Nicole Hollatz (2)</fotos>
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Historiker Dr. Nils Jörn (links) präsentierte den Gästen die Archivalie des Monats und damit eine Reise ins Wismar des 18. Jahrhunderts. Nicole Hollatz (2)

Amüsant und lehrreich: Anhand eines Lottoscheins aus dem 18. Jahrhundert folgten vorgestern Gäste einer Archivführung durch die Wismarer Geschichte. Diese Veranstaltung fand erstmals statt.

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25. Januar 2013, 10:44 Uhr

Wismar | "Was macht der Rat der Stadt, wenn er nicht mehr weiß, wie es weiter geht?", fragte Historiker und Archivchef Dr. Nils Jörn die Gäste im Lesesaal des Wismarer Stadtarchivs. Dicht gedrängt saßen dort die Gäste zum monatlichen Abendvortrag über eine "Archivalie des Monats". Vorgestern fand diese Veranstaltung erstmals statt. "Ich weiß ja nicht, was der Rat heute macht, aber im 18. Jahrhundert hat man Lotto gespielt", sagter er und ließ die Gäste lachen. Er entführte sie in das Wismar nach dem Nordischen Krieg. In eine arme, zerfallene Stadt. "Der Hafen war fast nicht benutzbar, in der Lübschen Straße waren die Häuser so kaputt, dass dort die Schweine und Kühe weideten." Kurzum: Die Stadt war pleite, die Wirtschaft nach dem Krieg am Boden und die Menschen bettelarm.

Ein Schweriner Geschäftsmann kam auf die Idee, eine Lotterie in Wismar zu veranstalten. 1739 rechnete er dem Rat der Stadt die möglichen Gewinne für die Stadt - natürlich auch für den Geschäftsmann - vor. Die Idee lockte, die nicht mal mehr kreditwürdige Stadt sah eine Möglichkeit, wieder liquide zu werden. Und das mit freiwilligen Zahlungen der Bürger! Nils Jörn: "Bei je 8000 Losen à zwei, drei oder vier Reichstaler pro Los sollte die Stadt 600, 1400 beziehungsweise 2200 Reichstaler einnehmen. Man kann sich richtig das Knistern im Ratszimmer vorstellen, das bei dieser Nachricht geherrscht haben muss - endlich ein Weg aus einer der tiefsten Krisen in der Stadtgeschichte!"

So stand, berichtete der Historiker, auf einem Losschein passenderweise der Spruch: "Wo das Elend blüht, hat die Hoffnung fruchtbaren Boden." Im April 1740 wurden die ersten Lose aus Wismar in der Stadt, aber auch im reicheren Hamburg und Lübeck verkauft. Wie viel Gewinn die Stadt mit dem Glücksspiel machte, ist nicht überliefert. Es muss sich aber gelohnt haben, zwei Jahre später schon organisierte der Rat die nächste große Lotterie.

Auch von Privatlotterien in Wismar wusste der Historiker zu berichten. Beispielsweise wurden Häuser samt Inventar bis hin zum Löffel in Lose aufgeteilt und in Zeiten der Immobilienkrise im 18. Jahrhundert so zu Geld gemacht. Wer das Haus so gewann, konnte beispielsweise selbst wieder eine Lotterie veranstalten und reich werden, berichtete Nils Jörn. "Natürlich zog bereits die erste Lotterie eine Anzahl von Gerichtsprozessen nach sich. So hatten die Pantoffelmachergesellen 1740 aus ihren Mitteln Lose gekauft, den Gewinn von 50 Reichstaler strichen aber die Älterleute ein, da sie meinten, den Gesellen würde die moralische Reife fehlen, um mit so einem Gewinn umzugehen," so Dr. Jörn.

Sogar eine Weinhandlung und eine in Wismar geerbte Buchhandlung konnten die Wismarer so mit dem richtigen Los und etwas Glück gewinnen.

Auf das Glück hoffen auch die Freunde des Stadtarchivs. Die Gäste am Mittwoch durften auf einem Tippschein jeweils ein Kreuz machen. Der mögliche Lottogewinn wäre zu Gunsten des Fördervereins, der am Dienstag, 19. Februar um 19 Uhr im Archiv gegründet werden soll.

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