Gedenken in Vietlübbe : Ein besonderer Dankesbrief aus England

Regionalpastorin Irene de Boor mit dem Brief aus England und einem Foto, auf dem die Absenderin mit ihrem Ehemann zu sehen ist. Es war ihr Hochzeitsfoto.
Regionalpastorin Irene de Boor mit dem Brief aus England und einem Foto, auf dem die Absenderin mit ihrem Ehemann zu sehen ist. Es war ihr Hochzeitsfoto.

Am Volkstrauertag berichtet die Regionalpastorin Irene de Boor von einem abgeschossenen Piloten der Royal Air Force, der in Vietlübbe begraben wurde

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19. November 2017, 09:00 Uhr

Als mein Mann und ich nach einem englischen Gottesdienst im belgischen Ostende in ein Café kamen, fragten wir mutig in englischer Sprache eine Dame, und sie lud uns ein, bei ihr Platz zu nehmen mit den Worten „oh enemies“ – „oh Feinde“. Dass es einmal möglich wäre, Feinde an den Tisch einzuladen, irgendwie ist das ein Wunder! Nun, es ist lange her, dass deutsche und englische Flieger sich in den Lüften jagten, kaum jemand ist mehr am Leben, den es betreffen könnte, der noch persönlich Schmerz empfindet über einen Verlust in einem dieser deutschen Kriege, dachte ich.

Nun wurde ich eines Besseren belehrt, und habe gleichzeitig ein noch viel größeres Wunder erlebt: Ich bekam im September einen Brief, einen Dankesbrief von Lily Ball. Sie erzählte, dass ihr erster Mann in der Nähe Vietlübbes im April 1945 abgeschossen wurde. Er war erst 22 Jahre alt gewesen. Der damalige Pastor Bruhns und einige Gemeindeglieder hätten die sterblichen Überreste dieses feindlichen Piloten der Royal Air Force auf dem Friedhof Vietlübbe beigesetzt. Das war eine tatsächlich sehr mutige Tat, und ich hatte davon noch nie gehört! Dafür sei sie sehr dankbar, schrieb Lily Ball, und sie möchte diesen Dank auch ausrichten, nun nachdem es möglich war, per Internet meine Adresse herauszufinden. Nun wo es auch ein gewisser zeitlicher Abstand möglich machte, denn sie war lange in ihrer Seele zu betroffen, um darüber schreiben zu können.

Mich hat dieser Brief tief berührt. Weil sie sich daran so sehr erinnert, an diesen ihren ersten Mann, mit dem sie gerade einmal zwei Monate verheiratet war. Und er hatte ihr gesagt, „Gott wird mich nicht fallen lassen in dieser besonderen Zeit“, das meint die Hochzeit des Lebens. Dennoch wurde er von einem deutschen Jäger abgeschossen, aber er wurde auf einem Kirchhof in Gottes Erde gelegt, auf einem Friedhof. Da steht ein Stein, der der Opfer, der Gefallenen der beiden Kriege gedenkt. Sind damit auch die englischen Gefallenen gemeint? Seit diesem September sind damit auch die gefallenen „Feinde“ gemeint. Aber wo wurde er begraben, an welcher Stelle fand man den passenden Platz für ihn? Vielleicht kann sich jemand erinnern, dass der Großvater, Vater davon erzählte oder die Mutter, Großmutter mal etwas Rätselhaftes bemerkte…

Über Feinde freundlich zu sprechen war zu jeder Zeit gefährlich, sie freundlich zu behandeln, ebenfalls. Jesus hat einmal gesagt „Macht euch Freunde mit dem ungerechten Mammon, damit wenn es zu Ende geht, sie euch aufnehmen in die ewigen Hütten“. Ja, zu Freunden hat uns Lilly Ball gemacht und zuvor schon die Gemeindemitglieder und der Pastor, die diese Menschen begraben haben, ihnen die Ehre erwiesen haben. In ungerechten Zeiten gehen die moralischen Werte den Bach hinunter. Da wird strafbar, was doch ein Werk der Barmherzigkeit ist: Tote begraben ist solch ein Werk der Barmherzigkeit. Andere überlebende Piloten wurden von SS-Leuten erschossen und im Straßengraben liegen gelassen, ja hier zwischen Veelböken und Mühlen Eichsen ist auch das in dieser Zeit geschehen.

Am Volkstrauertag wollen wir in Vietlübbe dieser Geschichte gedenken, der Feinde, die zu Freunden wurden, die einander „in die ewigen Hütten aufnehmen“, also daran bauen, was zu keiner Zeit außer Kraft gesetzt werden kann und soll, die Menschlichkeit. Leben wir auch in solchen ungerechten Zeiten? Das ist keine Frage.

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