Gadebusch : Ein Abkommen mit Schockwirkung

Die Generäle Barber und Lyaschenko hatten die Verträge  1945  unterzeichnet. Dieses Foto entstand offenbar auf Schloss Wiligrad.
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Die Generäle Barber und Lyaschenko hatten die Verträge  1945  unterzeichnet. Dieses Foto entstand offenbar auf Schloss Wiligrad.

Vor 70 Jahren unterzeichneten die Siegermächte in Gadebusch das Barber-Lyaschenko-Abkommen.

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20. November 2015, 12:00 Uhr

Vor 70 Jahren Jahren wurde in Gadebusch Geschichte geschrieben. Der britische Generalmajor Colin Muir Barber und der gleichrangige sowjetische Offizier Nikolai Grigorjewitsch Lyaschenko unterzeichneten ein Abkommen, das Folgen für die Menschen einer ganzen Region hatte. Der Hobbyforscher Andreas Lausen aus Klein Thurow beschäftigt sich seit langem mit diesem Thema und spricht im Interview mit SVZ-Redakteur Michael Schmidt über die Folgen des Barber-Lyaschenko-Abkommens.

Herr Lausen, es gibt verschiedene Versionen darüber, wo das Abkommen unterzeichnet wurde. Was haben Sie herausgefunden?
Andreas Lausen: Das Abkommen wurde eindeutig am 13. November 1945 in der Gaststätte „Goldener Löwe“ und nicht im Gadebuscher Rathaus und auch nicht im Schloss unterzeichnet. Der Vertrag muss allerdings bereits im Geheimen vorbereitet gewesen sein. Denn der Vertrag enthielt beispielsweise genaue Grenzstein-Positionen. So etwas handelt man nicht spontan im „Goldenen Löwen“ aus.

Welche Folgen hatte dieses Abkommen für die Menschen in den Orten?
Die Engländer hatten für die Orte auf ihrem damaligen Territorium festgelegt, dass sich jeder freiwillig entscheiden kann, ob er bleibt und somit in die russische Besatzungszone gerät oder ob er mit den Engländern weggeht. Mehr als 90 Prozent der Einwohner entschieden sich dafür, mit den Engländern fortzugehen. Das Alles ging ruck, zuck! Noch am Abend des 13. Novembers 1945 wurde der zuständige Landrat in Ratzeburg über die anstehende Räumung informiert. Am 14. November holte er die Bürgermeister der Gemeinden Lassahn, Dechow, Klein Thurow, Hakendorf, Techin sowie der Gutsbezirke Bernstorff, Stintenburg, Stintenburger Hütte und Groß Thurow zusammen. Sie fielen aus allen Wolken, als sie von dem Abkommen erfuhren. Am nächsten Tag gab es Einwohnerversammlungen in den Gasthöfen Lassahn und Dechow.

Wie reagierten die Einwohner?
Sie waren verzweifelt, viele wollten nicht zu den Russen. Aber das Abkommen zum Gebietsaustausch zwecks Grenzbegradigung war nicht mehr zu ändern. Wer zu den Engländern wollte, durfte alles mitnehmen, was beweglich war: Ernte, Vorräte, Vieh, Landwirtschaftsgeräte, Pferde, Möbel, Hausrat. Wer bleiben wollte, dem wurde von den Engländern das Meiste weggenommen. Sie durften dann nur eine Kuh, ein Kalb, ein Pferd, eine Egge behalten. In Bäk, Mechow und Ziethen dagegen herrschte Freude, denn die Einwohner fühlten sich bei den Briten besser aufgehoben. Von dort ging kaum jemand mit in die sowjetische Zone.

Wie ging es weiter?
Der Kreis Herzogtum Lauenburg geriet in Not, da zu den vielen Flüchtlingen nun weitere Menschen hinzu kamen. Die Rede ist von 1700 bis 2400 evakuierten Menschen. Versprochene, leerstehende Höfe gab es für sie aber nicht, stattdessen Auffanglager in Schmilau, Ratzeburg und Groß Grönau. Sie mussten sich fortan wie die Flüchtlinge aus Pommern, Ostpreußen, Schlesien durchschlagen. Es gab Spannungen und Neid. Es war ein Drama.

Was hat Sie während Ihrer Nachforschungen besonders schockiert?
Die Menschen dachten: Der Krieg ist vorbei und sie könnten wieder neu auf ihren nicht zerstörten Höfen anfangen. Doch dann kam dieser geheim eingefädelte Gebietsaustausch und es hieß: Ihr müsst jetzt raus hier oder bei den Russen leben. Das hat viele Leute geschockt. Es gab auch die Befürchtung, dass es weitere geheime Abkommen zwischen Engländern und Russen geben könnte. Ein Gerücht war, dass die Russen bis zum Elbe-Lübeck-Kanal vorrücken und Ratzeburg und Mölln in die russische Zone geraten könnte.

Konnten Sie mit Zeitzeugen sprechen?
Ja, viele berichteten mir davon, dass sie damals alles verloren hatten und im Westen – zu dem sie ja eigentlich gehörten – schlecht aufgenommen wurden.

Stießen Sie im Zuge Ihrer Recherchen auch auf Kurioses?
Durchaus, das betrifft Römnitz am Ratzeburger See. Bis zum Gebietsaustausch war Römnitz russisch besetzt. Noch im September 1945 hatten die Russen dort eine mecklenburgische Staatsdomäne aufgesplittet und als Bodenreformland an etwa 15 Landarbeiter verteilt. Als wenig später die Engländer kamen, erklärten diese die Reform für ungültig und verpachteten die Domäne neu an einen Gutsbesitzer. Die 15 Landarbeiter führten daraufhin Prozesse. Die meisten von ihnen verständigten sich erst in den 1980er-Jahren auf einen Vergleich mit dem Staat. Jeder erhielt bis zu 20 000 D-Mark, dafür dass er damals das Bodenreformland wieder hergeben musste. Einer von ihnen klagte aber bis zum Jahr 2000. Er bekam Recht und erhielt sein Bodenreformland zurück.

Was geschah nach dem Abkommen mit Dörfern wie Dechow?
In dieses Dorf wurden damals Flüchtlinge aus dem Sudetenland gebracht. Denn sie waren nach ihrer Vertreibung aus Tschechien heimatlos und erhielten – so kurios das klingen mag – bei einem Zwischenstopp auf dem Schweriner Bahnhof folgendes Angebot: Ihr könnt ein ganzes Dorf bekommen, was leer ist. Als diese Flüchtlinge dann mit dem Zug in Gadebusch ankamen, wählten sie noch vor Eintreffen der Lkw auf dem Bahnhof ihren Bürgermeister und ihre Gemeindevertreter. Die Neu-Dechower mussten damals zunächst zwei Wochen lang in einem Haus verbringen, da die anderen Gebäude zunächst nicht mehr bewohnbar waren. Es fehlten Glühlampen, Elektrokabel, Steckdosen, Schalter, selbst Ofentüren. Alles was man irgendwie gebrauchen konnte, hatten die vorherigen Bewohner mitgenommen, denn Material gab es damals nirgends zu kaufen. Mit viel Arbeit und Mühe machten sich die Neuankömmlinge an die Arbeit.

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