Naturnah : Die „Wilden“ im Bülower Garten

Auf dem Kastanienhof in Bülow sammelt Hajo Kahl regelmäßig Kräuter, um diese in der Küche zu verarbeiten.  Fotos: Das Gartenarchiv
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Auf dem Kastanienhof in Bülow sammelt Hajo Kahl regelmäßig Kräuter, um diese in der Küche zu verarbeiten. Fotos: Das Gartenarchiv

Kräuter sind eine Delikatesse und werden auf dem Kastanienhof auf gebackenen Baguettescheiben serviert

svz.de von
11. April 2015, 00:16 Uhr

Früher waren sie für mich ein Ärgernis. Ich habe mit allen Mitteln versucht, ihnen den Garaus zu machen. Mit Chemiewaffen, Flammenwerfern, Salzsäure und scharfen Messern bin ich ihnen zu Leibe gerückt. Selbst so perverse Todesarten wie Ersticken und Verbrennen auf dem Scheiterhaufen habe ich ausprobiert. Mein Waffenarsenal wuchs über die Jahre bedenklich an und so manche schlaflose Nacht verbrachte ich mit dem Ausbrüten neuer Zerstörungstechniken.

Die einfachste Bekämpfungsmethode war mir damals allerdings noch nicht in den Kopf gekommen. Erst mussten Jahre des Kämpfens und der Resignation vergehen, bis ich auf die Idee kam, meine Feinde einfach aufzuessen.

Das ist zwar auch nicht gentlemanlike ist aber ästhetischer als alles Andere, was ich zuvor ausprobierte. Jetzt ist wieder die Zeit gekommen, wo ich lustvoll durch meinen Garten schlendere und Brennnessel, Girsch und Scharbockskraut mit liebevollem Blick betrachte. Auch die ersten Löwenzahnblüten, Blättchen von Beinwell und Wiesenkerbel oder Sauerampfer verursachen bei mir erhöhten Speichelfluss und einen lüsternen Blick. Mittlerweile habe ich mich in meine „Wilden“ richtig verliebt, habe oft sogar Angst, zu viele von ihnen zu ernten und ihre Existenz in meinem Garten zu bedrohen.

Geerntet werden die jungen Blätter, Blattknospen und Blüten von fast allen Kräutern, die in diesen Tagen das Licht der Frühlingssone erblicken. Gut gewaschen und abgetrocknet landen sie dann in meiner Küche, in der schon mein Lieblingsdressing aus Fliederbeerblüten Gelee, Senf, Thymian, Pfeffer, Salz, dunklem Balsamico, Olivenöl und Apfelsaft wartet um aus zarten Wildkräutern einen Salat zu zaubern, der meine Gäste und mich immer wieder zu fast orgiastischen Gefühlsäußerungen hinreißt. Dazu gibt es in Olivenöl gebackene Baguettescheiben, die mit frittierten und gesalzenen Salbeiblättern belegt werden. Flammenwerfer und Chemiewaffen sind übrigens schon lange aus meinem Garten verschwunden und haben einem genussvollen Arrangement Platz gemacht.

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