Gadebusch : Die süßen Früchte der Mispel

Der Mispelbaum von Hajo Kahl trägt in diesem Jahr viele Früchte.
Der Mispelbaum von Hajo Kahl trägt in diesem Jahr viele Früchte.

Die sommergrünen Bäume können bis zu einhundert Jahre alt werden

svz.de von
13. Oktober 2018, 05:00 Uhr

Wissen Sie eigentlich was „Nurserysmus“ ist? Der Begriff stammt aus dem Englischen, „nursery“ bedeutet Gärtnerei. „Nurserysmus“ wird mecklenburgisch etwa wie „Nörßerismus“ ausgesprochen. Es handelt sich hierbei um eine schwer zu heilende Suchterkrankung vergleichbar mit dem „Shoppingismus“, der überwiegend Frauen befällt und bei dem die Erkrankten im Stechschritt mehrere prall gefüllte Einkaufstüten gleichzeitig bis hin zur körperlichen Totalerschöpfung von einem Geschäft in das nächste schleppen.

An Nurserysmus erkranken Männer wie Frauen ganzjährig zu etwa gleichen Teilen. Eindeutige Symptome des Nurserysmus sind der triebhafte Drang mehrmals wöchentlich eine Gärtnerei aufzusuchen um dort in einer Art Trance sein gesamtes Barvermögen auszugeben oder beim Betreten eines Baumarktes mit dem Wunsch eine Unterlegscheibe zu kaufen denselben mit einem Einkaufswagen, gefüllt mit Pflanzen, Sämereien, Gartenwerkzeugen, aber ohne Unterlegscheibe wieder zu verlassen.

„Nurserysmus „kann Menschen ähnlich wie Glücksspiel finanziell ruinieren. Berühmte „Nurserysmus“ Opfer sind Fürst Hermann von Pückler-Muskau, der sein gesamtes Vermögen bis hin zur Pleite in Gärten und Parks investierte und immer wieder neu reich heiraten musste, um an die Mitgift seiner jeweiligen Frau zu gelangen, wie aber auch die englische Gärtnerikone Vita Sackville-West, die ständig Geld für die Anschaffung von Pflanzen und Blumenzwiebeln von ihrer Mutter und ihrem Mann erbetteln musste.

Auch ich leide an diesem „Nurserysmus“! Mir kann es passieren, dass ich beim Fahren auf einer Landstraße plötzlich eine Vollbremsung mache, weil ich ein Hinweisschild für eine Gärtnerei gesehen habe. Genau so ist es vor vier Jahren passiert als ich im Hamburger Umland unterwegs war. Das Werbeschild einer Baumschule zwang mich zur Vollbremsung. Mit klopfendem Herzen betrat ich das Freigelände der Baumschule. Rosen, Obst- und Ziergehölze so weit das Auge reicht, ...Wahnsinn!

Unter meiner Beute, die ich wenig später auf zwei Einkaufswagen verteilt aus der Gärtnerei schob, war auch ein kleiner Mispelbaum, der mich auf der Heimfahrt zum Kastanienhof mit einem seiner Zweige zärtlich im Nacken kraulte. Auf dem Kastanienhof angekommen pflanzte ich den Mispelbaum an den Rand unseres Obstgartens, wo er sich seitdem prächtig entwickelt und mittlerweile eine stattlich Krone ausgebildet hat.

Mispeln stammen ursprünglich nicht aus dem Hamburger Umland sondern aus dem vorderen Orient und werden dort seit der Antike kultiviert. Durch die Römer kam das Kernobstgewächs nach Mitteleuropa. Mittelalterliche Abbildungen von Mispelbäumen belegen die Kultur in Kloster- und Hausgärten seit dem 9. Jahrhundert.

Die Früchte der Mispel, die an schrumpelige, braune Äpfel mit zu groß geratenen Kelchblättern erinnern, reifen von Oktober bis November. Zum Erntezeitpunkt sind die Früchte hart und eher ungenießbar. Erst nach längerer Lagerung und Frosteinwirkung, wodurch Fruchtsäuren und Tannine abgebaut werden, sind die bis zu 30 Gramm schweren Früchte aromatisch.

Ihr Geschmack erinnert an den von Aprikosen. Die reifen Früchte können roh gegessen und zu Marmeladen, Chutneys und Gelees verarbeitet werden. Hierfür werden Kronenblätter, Schale und Kerne entfernt. Ich liebe den feinen süß-säuerlichen Geschmack der Mispel zu Schweinefleisch und Geflügel.

In unserem Kastanienhof Restaurant verwenden wir Mispeln auch in Soßen. Eines unserer typischen Mispelgerichte im November ist Entenkeule auf Mispelsoße.

In der Homöopathie wird Mispelkompott und Saft gegen Darmentzündungen, Reizdarm und Aterienverkalkung verordnet.

Die sommergrünen Mispeln können bis zu einhundert Jahre alt werden, erreichen hierbei selten eine Höhe von mehr als fünf Metern bei einem gleich großen Kronendurchmesser. Das Mispelholz ist hart und wird als dekoratives Holz im Möbelbau verwendet.

Die Ansprüche an Boden und Klima sind moderat. Ein durchschnittlicher Gartenboden in geschützter Lage, sowie Wintertemperaturen nicht unter – 20° sind Garanten für ein gutes Gedeihen.

Unser Mispelbaum scheint sich auf dem Kastanienhof Bülow jedenfalls sehr wohl zu fühlen. Auf jeden Fall hat er in diesem Jahr eine Unzahl an Früchten produziert, die, falls sie nicht zusammen mit knusprigen Entenkeulen auf den Tellern unserer Gäste landen, von mir auch gerne roh verzehrt werden.

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