Zirkus Monaco : Die Schau muss weitergehen

<strong>Nach der Vorstellung ist vor der nächsten: </strong>Ein Mitarbeiter des Zirkus Monaco klebt schon die Plakate für die nächsten Gastspiele. Doch vorher hat der Zirkus noch in Gadebusch am Sonnabend und Sonntag jeweils um 15 Uhr Vorstellungen.  Foto: Hans Taken
1 von 2
Nach der Vorstellung ist vor der nächsten: Ein Mitarbeiter des Zirkus Monaco klebt schon die Plakate für die nächsten Gastspiele. Doch vorher hat der Zirkus noch in Gadebusch am Sonnabend und Sonntag jeweils um 15 Uhr Vorstellungen. Foto: Hans Taken

Nach einer harten Zeit zurück zur Normalität: Die Zirkus-Familie Sperlich will nach der Aufregung um das Pflegekind Jeremie und den Dieselklau-Vorwürfen wieder zur Ruhe kommen.

svz.de von
29. März 2013, 06:31 Uhr

Gadebusch | Die Reifen des Lkw drehen durch. Zu matschig ist der Boden auf der Festwiese in Gadebusch, zu schwer der Anhänger, der in die richtige Position gezogen werden soll. Beim dritten Versuch klappt es, die Zugmaschine rollt wieder. Im Vergleich zu den Schwierigkeiten, die die Zirkus-Familie Sperlich in den vergangenen Monaten hatte, war dies nur ein kleines Problem, denn die Aufregung um Pflegekind Jeremie und die Vorwürfe, Diesel aus Lkw-Tanks gestohlen zu haben, haben das Image des Zirkus "Monaco" beschädigt.

"Das war keine leichte Zeit. Wir müssen das Ganze erst einmal verarbeiten", sagt Carmen Sperlich. Carmen Sperlich ist 46 Jahre alt, Mutter von sieben Kindern und Chefin des Zirkus Monaco. An diesem viel zu kalten Donnerstag vor Ostern sitzt sie in einem gut beheizten Wohnwagen unweit des Zeltes und erzählt, dass sie eigentlich gar nichts mehr erzählen darf: "Was den Fall Jeremie angeht, da darf ich nichts mehr zu sagen." Dies habe ihr ein Rechtsanwalt geraten.

Der Fall Jeremie: Es war der 20. November 2012, als das elfjährige Pflegekind Jeremie aus dem Wanderzirkus in Lübtheen verschwand. Zunächst hieß es, der Junge sei mehr als 100 Kilometer mit dem Transporter der Zirkusfamilie von Lübtheen nach Hamburg gefahren. Später vermutete das Bezirksamt Hamburg-Mitte, dass das Kind dabei von einem Erwachsenen Hilfe bekam. Erst nach vier Wochen tauchte Jeremie wieder auf, als er von seinen Großeltern - bei denen er früher gelebt hatte - den Hamburger Behörden übergeben worden war. "Der Junge befindet sich jetzt in einem betreuten Kinder- und Jugendlichen-Wohnprojekt eines Hamburger Trägers", sagt Sorina Weiland, Sprecherin der Bezirksamts Hamburg-Mitte. Das Jugendamt Hamburg-Mitte hatte Jeremie zwei Jahre zuvor in dem Zirkus unterbringen lassen, da die Aufnahme des Kindes mehrere Hamburger Träger abgelehnt hatten.

"Wir haben jetzt keinen Kontakt mehr zu Jeremie", sagt Carmen Sperlich. Zwei Jahre lang lebte der als schwierig geltende Junge bei der Zirkusfamilie Sperlich, sollte dort feste Tagesabläufe, klare Regeln und feste Strukturen kennen lernen. Gegen die Zirkus-Familie wurden schwere Vorwürfe erhoben. Der Junge sei geschlagen worden, hätte in einem unbeheizten Bauwagen schlafen und betteln gehen müssen - sagten Mutter und Großeltern des Kindes gegenüber mehreren Zeitungen. "Das ist nicht wahr. Bei uns hat er sich wohlgefühlt", ließ sich Carmen Sperlich später öffentlich zitieren. Auch der Neukirchener Erziehungsverein, der Jeremie in den Zirkus vermittelte, hatte nicht den Eindruck, dass es ihm dort schlecht ergangen sei. "Alle Vorwürfe, die von den angehörigen des Jungen gegenüber der Zirkusfamilie erhoben wurden, haben sich nach unseren bisherigen Recherchen als unberechtig erwiesen", so Sprecher Ulrich Schäfer. Auch das Bezirksamt Hamburg-Mitte konnte keine Verfehlungen ausmachen. "Alle zwei bis drei Wochen wurde der Junge vom Träger oder Amtsvormund vor Ort besucht", so Sorina Weiland. Den Eindruck, dass es dem Pflegekind dort schlecht gehe, habe man nicht gehabt.

Wieder ein Pflegekind aufnehmen, das komme für Carmen Sperlich derzeit nicht in Frage: "Wir sind froh, dass der Rummel endlich vorbei ist und wir uns auf unser Geschäft konzentrieren können." Und dieses Geschäft sei, so die Direktorin, ein hartes Brot. "Rund 400 Zirkusse gibt es deutschlandweit", so Carmen Sperlich. Jetzt über Ostern, da gastiere auch im nahe gelegenen Wittenburg ein Zirkus. "Die Konkurrenz ist groß", weiß die Unternehmerin, deren Familie schon in der vierten Generation in der Manege auftritt. Gadebusch ist schon die fünfte Station nach dem Winterpausenende im März. Dutzende von Orten werden in dieser Saison noch angefahren. Normalität, das wünschen sich die Sperlichs, die auch noch mit dem Vorwurf zu kämpfen haben, dass Familienmitglieder Diesel aus einem Lkw gestohlen haben sollen. "Wir haben das nicht gemacht", betont Chefin Sperlich. "Die Ermittlungen wegen Diebstahls in besonders schwerem Fall sind noch nicht abgeschlossen", so Klaus Wiechmann, Sprecher der Polizeiinspektion.

Das große Zelt auf der Festwiese ist aufgebaut. "Dauerte diesmal etwas länger, weil eine Hydraulikpumpe kaputt gegangen war", sagt ein Zirkus-Mitarbeiter. Eine neue Pumpe wurde angeschafft. Wieder ein Problem gelöst, und im Vergleich zu den Schwierigkeiten der vergangenen Monate wieder ein kleines. Und bei dieser Größenordnung, hoffen die Sperlichs, bleibt es jetzt auch.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen