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Gadebusch-Rehnaer Zeitung

11. Dezember 2017 | 03:13 Uhr

Schlagsdorf : Die Last mit der ehemaligen Grenze

vom
Aus der Redaktion der Gadebusch-Rehnaer Zeitung

Wolfgang Kniep war Grenzsoldat und liest aus seiner Biografie im Grenzhus

Eigentlich sollte sein Buch „Der Eid“ ganz anders heißen, sagt Autor Wolfgang Kniep. „Ich hätte geschossen“, wäre passender gewesen. Doch das sei dem Verlag „zu ehrlich“ gewesen, erzählt Kniep, der sich einen Namen als Liedermacher und plattdeutscher Autor gemacht hat und 2011 den Gillhoff-Preis verliehen bekam.

Anfang der 70er Jahre war der Lehrer einer von rund 600 000 Grenzsoldaten, die für die DDR die innerdeutsche Grenze bewacht haben. Und anders als wohl viele andere ehemalige Grenzer, sagt Kniep heute über diese Zeit: Er hätte auf DDR-Flüchtlinge geschossen. Wieso und weshalb hat der Autor in seinem Buch „Der Eid“ aufgeschrieben. Am Wochenende las er im Grenzhus in Schlagsdorf daraus vor und gab so einen Einblick in seine Gefühlswelt als junger Mann an der Grenze.

Als Kniep 1972 eingezogen wird, ist er verheiratet, hat eine kleine Tochter und arbeitet als Lehrer. Nach der dritten Musterung muss er zu den Grenztruppen. „Egal“, liest er aus seinem Buch, „aussuchen kann man es sich nicht. Und wie man hört, soll die Verpflegung dort besser sein als bei anderen Waffengattungen.“ Die ersten sechs Monate absolviert Kniep in Glöwen. Hier schwört er den Fahneneid, verspricht, sein Land gegen jeden Feind zu beschützen. Mit Schießübungen und Politikunterricht werden Kniep und die anderen Soldaten auf ihre Zeit an der Grenze vorbereitet.

Hier werden ihnen „Bilder von den Feinden des Staates“ gezeigt. Es sind Fotos von DDR-Bürgern, von Flüchtlingen. „Rein optisch sind das schon miese Typen“, schreibt Kniep. Auch die Waffen, die man den „Grenzverletzern“ abgenommen hatte, wurden Kniep und Co. präsentiert. Messer, Eisenstangen, Beile, sogar Schusswaffen. Für ihn steht damals fest: „Diese Waffen werden mich töten, wenn ich nicht schnell genug bin.“

In seinem Buch stellt er sich die quälende Frage: „Was wird dann aus meiner Familie? Aus seiner Frau und seiner Tochter?“ Auch die Bilder von den „verletzten und getöteten Grenzsoldaten, die ihren Auftrag nicht oder zu zögerlich ausgeführt hatten, verfehlen ihre Wirkung bei dem damals 23-Jährigen nicht. „Alles Männer in meinem Alter.“ Kniep hat Angst, sagt er. „Angst und Wut auf solche Verbrecher.“

Nach seiner sechsmonatigen Grundausbildung muss Kniep von 1973 bis 1974 an die Grenze bei Lassahn. Hier schiebt er Zwölf-Stunden-Schichten. Für seine junge Frau, die noch junge Liebe, war die Zeit als Grenzsoldat eine harte Probe. „Sie glauben nicht, was man alles tut, um mal seine Lieben zu sehen“, sagt Kniep. Sein Ziel als junger Soldat: „Möglichst exakt allen Befehlen zu folgen und ja nicht negativ aufzufallen.“

Kniep war ein guter Schütze, sagt er. Einen Fehlschuss auf einen Flüchtling hätte ihm damals niemand abgenommen. Und außerdem hätte er dadurch seinen langersehnten Ausgang oder Urlaub aufs Spiel gesetzt. „Ich bin der Überzeugung, dass ich nicht aus Gründen, Urlaub zu bekommen, auf Menschen geschossen hätte. Das kann ich wohl guten Gewissens sagen.“ Aber alles andere…bricht er den Satz ab.

Kniep fühle sich „nach wie vor schuldig“, betont er. „Nur, weil ich geschossen hätte.“ Heute sagt der dreifache Großvater sei er dem Schicksal „sehr, sehr dankbar, dass ich es nicht tun brauchte.“ Das hatte damals aber nichts mit Überzeugung zu tun. „Nein, das war glücklicher Zufall.“ Denn einen Menschen zu töten und damit klar zu kommen, weiß Kniep, ist nicht einfach. Einer seiner Zugführer, ein „ausgezeichneter Schütze“, habe auf einen Flüchtling geschossen und die Niere getroffen. An den Folgen starb der DDR-Flüchtling. Mit der „Last“ konnte der Schütze nicht leben, erzählt Kniep. „Er nahm sich nach der Wende das Leben.“
Kniep berichtet, dass die Leute zurückhaltend reagieren, wenn er sagt, dass er bei den Grenztruppen war. „Die Reaktion ist oft: Ach ja? Aber sie haben doch nicht geschossen, oder?“ Wenn Kniep mit Nein antwortet, löse sich jedes Mal die Anspannung. „Doch wenn ich ganz ehrlich hinzufüge: Aber ich hätte, ist das Gespräch oftmals beendet.“

Kniep will ehrlich sein. Zu sich selbst. Und zu anderen. Deshalb hat er das Buch geschrieben.  

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