zur Navigation springen

Sonderausstellung im Grenzhus Schlagsdorf : Die Folgen einer Ausbürgerung

vom
Aus der Redaktion der Gadebusch-Rehnaer Zeitung

Eine Ausstellung im Grenzhus Schlagsdorf befasst sich mit den Geschehnissen rund um die Ausbürgerung von Wolf Biermann

„Es war ein kleines Erdbeben und der größte kulurpolitische Skandal der DDR,“ sagt der Berliner Historiker Dr. Robert Grünbaum über die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann am 16. November 1976. Biermann, der von 1953 bis 1955 in einem Internat in Gadebusch lebte, war eine Reizfigur für die SED-Regierung. In der am Sonnabend eröffneten Sonderausstellung „Der Mut der Wenigen. Protest - Repression - Solidarität. Folgen einer Ausbürgerung“ erinnert das Grenzmuseum in Schlagsdorf an das Handeln junger Menschen, die in Schule und Universität, im Betrieb, in der Kirche und beim Militär mutig gegen die Ausbürgerung Biermanns Stellung bezogen hatten.

Geboren wurde Wolf Biermann in Hamburg. Im Alter von 17 Jahren entschied er sich aus freien Stücken, in die DDR überzusiedeln. Biermann wurde von nun an ein scharfer Kritiker des DDR-Regimes. Die Folge: Die SED-Führung verbot ihm als Künstler aufzutreten – zunächst für ein halbes Jahr. Nach einem Konzert am 13. November 1976 in Köln wurde Biermann eine Wiedereinreise aus der Bundesrepublik Deutschland nach einer zuvor genehmigten Konzerttour verweigert, und er wurde ausgebürgert – genau einen Tag nach seinem 40. Geburtstag. „Welche politische Brisanz besagtes Konzert für Wolf Biermann noch entfalten sollte“, sagt Grünbaum, „war weder Biermann noch den übrigen Zuschauern damals klar.“ Der Sänger, der bei dem Konzert in Köln das Existenzrecht der DDR nachdrücklich verteidigt hatte, wurde nun als Staatsfeind und Nestbeschmutzer tituliert und war als solcher unwürdig, weiter Staatsbürger der DDR zu sein. Allerdings, sagt Grünbaum mit gehobenem Zeigefinger, hatte sich die SED-Führung verrechnet. Denn der Versuch, sich eines unbequemen Kritikers still und leise zu entledigen, schlug fehl.

Was folgte, war ein Sturm der Entrüstung. Als erstes setzte sich die künstlerische Intelligenz der DDR zur Wehr. „Etwas bis dahin Einmaliges“, sagt Grünbaum. 13 der wichtigsten Schriftsteller unterzeichneten kollektiv eine Protestresolution, in der sie die Parteiführung aufforderten, ihre Entscheidung zu überdenken. Unter ihnen Autoren wie Sarah Kirsch, Christa Wolf, Stephan Hermlin und Stefan Heym. Der Protest wirkte wie eine Initialzündung. Mehr als 100 weitere Künstler schlossen sich der Petition an. Damit hatte die Parteiführung nicht gerechnet. „Sie hatte sich mit Biermann eines Problems entledigen wollen und plötzlich die künstlerische Elite des Landes gegen sich aufgebracht.“ Für die SED-Führung ging es mit einem Mal nicht mehr nur um Kulturpolitik. Grünbaum: „Die Machtfrage war praktisch gestellt.“

Was in den nächsten Wochen, Monaten und Jahren folgte, war ein großer Künstlerexodus. Zahlreiche Autoren, Schauspieler, Sänger, Regisseure und Maler verließen das Land. Darunter bekannte Persönlichkeiten wie Ulrich Kunze, Manfred Krug und Sarah Kirsch. „Ende des Jahres 1976 waren es rund 40, innerhalb der folgenden zehn Jahre 350 Künstler, die der DDR den Rücken kehrten bzw. kehren mussten.“

Der Protest beschränkte sich nicht nur auf die künstlerische Elite, in der ganzen DDR kam es nach und nach zu einer breiten Protestbewegung. „Viele kritische Bürger wollten sich mit dem SED-Beschluss nicht abfinden“, sagt Grünbaum. Bis zum Tag der Ausbürgerung war Wolf Biermann durchaus bekannt in der DDR. „Aber doch eher nur kritisch eingestellten Kreisen der Bevölkerung.“ Mit einem Mal war er populär. Junge Leute in der DDR sammelten Unterschriften, schrieben Parolen an Häuserwände, verteilten Flugblätter. Bei Zeitungen und Behörden trafen mehr als 400 kritische Schreiben ein, die Autobahn zwischen Berlin und Leipzig musste wegen Protesten einen Tag gesperrt werden.

Die SED-Regierung griff hart durch gegen Kritiker, sagt Grünbaum und nennt einige Beispiele. Ein 22-jähriger Schweißer im VEB Sachsenring Zwickau schrieb auf seiner Schreibmaschine die Zeilen: „Ich fordere die Rücknahme der Ausbürgerung von Wolf Biermann, der meines Erachtens zu unrecht aus der DDR ausgebürgert wurde.“ Die Blätter hing er in Zwickau an Schaufensterscheiben. Dabei wurde er erwischt und festgenommen. Für die drei Zeilen auf dem Blatt Papier musste er 18 Monate in Haft. Ein 17-jähriger Lehrling im Chemiewerk Buna sammelte 66 Unterschriften unter einem Text, in dem er die Einreise Biermanns in die DDR forderte. Auch er wurde verhaftet, bekam zwei Jahre auf Bewährung. Innerhalb eines Monats wurden laut Grünbaum mehr als 100 Menschen festgenommen.

Einige Geschichten dieser mutigen DDR-Bürger, die gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns protestiert haben, zeigt die Sonderausstellung „Der Mut der Wenigen. Protest - Repression - Solidarität. Folgen einer Ausbürgerung“, die noch bis zum 4. Mai im Grenzmuseum in Schlagsdorf zu sehen ist.

 

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen