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Gadebusch-Rehnaer Zeitung

22. November 2017 | 04:19 Uhr

Gadebusch : Die Drehgestelle schweben ein

vom
Aus der Redaktion der Gadebusch-Rehnaer Zeitung

Erichs Schlafwagen ausgebremst: Wagenkasten darf Pasewalk auf Grund fehlender Genehmigungen erst 24 Stunden später verlassen

Die gute Nachricht vorweg: Der Schlafwagen des ehemaligen DDR-Regierungszuges soll heute komplett aufgestellt werden. 24 Stunden zuvor schien das Projekt „Erichs Schlafwagen“ an einer bei der Deutschen Bahn nicht eingeholten Genehmigung zum Überfahren von Gleisen zu scheitern.

Morgendämmerung in Gadebusch. Vor dem ehemaligen Bahnhof werden mit schwerer Technik Drehgestelle eines Reisezuges vom Tieflader gehoben. Es sind Bauteile des ehemaligen Schlafwagens des Regierungszuges.

Initiator des Geschehens, der Gadebuscher Holger Hempel, sieht nicht unbedingt zufrieden aus: „Wie es mir geht? Beschissen!“ Zwar war Holger Hempel der Humor noch nicht völlig abhanden gekommen. Aber was seine Gemütslage angesichts des Desasters anging, nahm der Chef der Station Burgsee kein Blatt vor den Mund. „Es fehlte lediglich die Genehmigung für das Überfahren eines Gleises, war schlicht vergessen worden.“ Völlig korrekt verweigerte die Polizei deshalb in Pasewalk die Weiterfahrt auf öffentlichen Straßen.

Seit Monaten versucht Restaurantbetreiber Hempel den Schlafwagen des DDR-Regierungszuges nach Gadebusch zu holen, um ihn dort zum stilechten Gästehaus umbauen zu lassen. Wegen des abgelaufenen TÜV und der extrem hohen Gebühren für den Schienentransport durch die Bahn kam nur der Transport über die Straße in Betracht. Ein erster Anlauf im April scheiterte. „Damals war der Schwertransport zu groß, es hätten viele Bäume gefällt, Schuppen abgerissen werden müssen, das wollten wir nicht“, erzählt der 43-Jährige. Der Termin wurde verschoben, die Streckenführung optimiert, ein kleinerer Schwertransport zusammengestellt.

Diesmal schien alles perfekt. Die Maße waren eingehalten worden, der Waggon, in dem einst die Regierungselite der DDR zu Staatsbesuchen und zur Jagd reiste, war zerlegt, so dass das maximale Höhenmaß von 4,40 Metern nicht überschritten wurde.

Zuhause in Gadebusch wartete das fertige Fundament, die Kräne standen parat, selbst ein Frühstücksbüffet zur Versorgung von Helfern und Schaulustigen fehlte nicht. Pünktlich um 22 Uhr verließ der Tross am Donnerstag den Lokschuppen Pasewalk. Geplante Ankunft in Gadebusch: 4 Uhr morgens.

„Als ich kurz nach Mitternacht die Nachricht vom Stopp erhielt, habe ich gedacht, da macht jemand einen schlechten Scherz“, so Hempel. Ein Zurück auf das Gleis in Pasewalk sei nicht möglich gewesen. „Die Drehgestelle stehen hier. Sie sind auf einem normalen Tieflader nach Gadebusch gekommen.“

Für eine kurze Zeit ist Hempel ratlos: „Ich weiß zur Zeit nicht, wie es weitergehen soll. Aber wir werden eine Lösung finden.“ Viel Zeit blieb nicht, denn schon Montag sollen die Umbauarbeiten am Salonwagen beginnen. Erste Gäste sollen im August Platz nehmen.

Ein kleiner Fehler, große Folgen: „Dass hier kein technischer Grund vorliegen konnte, war klar“, sagt Mathias Abraham. „Alle Lastwagen, egal ob 40-Tonner oder Schwertransport, haben eine vorgeschriebene maximale Achslast von 10 Tonnen“, so der Gadebuscher Unternehmer, der sich auf dem Weg zur Arbeit das Spektakel ansehen wollte. Solche Vorgaben machten Schwertransporte so lang, denn das Gewicht müsse auf eine entsprechende Anzahl von Achsen verteilt werden.

Während die Gäste fachsimpelten, stand noch eine blasse Mondsichel am Himmel über Gadebusch, hob der Kranfahrer den ersten der beiden Rädersätze von der Ladefläche. Punktgenau wurde er auf dem im Betonfundament verankerten Schienenstrang abgesetzt. Nach einer knappen Stunde standen beide an Ort und Stelle, bereit, die Last des noch fehlenden Waggons zu tragen. Kurze Zeit später zuckten erste Blitze über den inzwischen gewitterschwarzen Himmel. „Egal, was der Grund für den Stopp ist, wir geben nicht auf“, verkündet Hempel durch das Mikrofon.

Die Kräne sind noch nicht ganz abgebaut, da steht der neue Termin schon fest. „Wir waren alle an einer unkomplizierten Lösung interessiert. Hinsichtlich der Kosten haben wir uns darum auf einen Kompromiss geeinigt. Schließlich machen wir alle mal Fehler.“ Mit nur einem Tag Verspätung sollte der Waggon nun heute früh um drei Uhr eingetroffen sein – falls nicht etwas vergessen wurde.




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