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25 Jahre Städtepartnerschaft : Deutsch-deutscher Testballon

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Was heute selbstverständlich erscheint, war vor 25 Jahren brisant: Bevor Schwerin und Wuppertal im Februar 1987 einen Vertrag über die Partnerschaft zwischen beiden Städten unterzeichneten, wurde hart verhandelt.

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erstellt am 25.Feb.2012 | 12:19 Uhr

Was heute selbstverständlich scheint, war vor 25 Jahren eine höchst brisante Angelegenheit. Bevor Schwerin und Wuppertal im Februar 1987 einen Vertrag über die Partnerschaft zwischen beiden Städten unterzeichneten, wurde hart verhandelt. Es ging um mehr als nur um eine Partnerschaft. Es war die zweite deutsch-deutsche Verbindung dieser Art, ein Testballon für die Umsetzung politischer Interessen auf lokaler Ebene. In der Bundesrepublik setzte man auf Wandel durch Annäherung und die SED hoffte, ihre politische Anerkennung als zweiter deutscher Staat auf diesem Wege befördern zu können. Wie angespannt die Atmosphäre der Verhandlungen grundsätzlich war, lässt sich an kleinen Zwischenfällen wie dem folgenden ablesen. Der „Remscheider General-Anzeiger“ berichtete am 20. September 1986 über den Aufenthalt der Schweriner Delegation in Wuppertal und sprach von einer „zweiten innerdeutschen Partnerschaft“. Während die Schweriner gegen diese Formulierung vehement protestierten, bestand das Presse- und Informationsamt der Stadt Wuppertal auf die journalistische Freiheit und Unabhängigkeit einzelner Zeitungen.

Auch beim Gegenbesuch der Wuppertaler in Schwerin im November 1986 wurde über Grundsatzfragen gestritten. Der Oberbürgermeister von Schwerin, Dr. Helmut Oder, hatte seine Vorgaben vom Zentralkomitee der SED erhalten. Er sah die angestrebte Städtepartnerschaft als Teil der Abrüstungspolitik. Die Wuppertaler Abgeordneten hingegen bestanden darauf, dass bundespolitische Aufgaben nicht in ihren Kompetenzbereich fallen würden. Ihnen läge vor allem am Herzen, dass die Menschen beider Städte gute nachbarschaftliche Beziehungen pflegen könnten. Gerade das wollten die Genossen der SED jedoch verhindern. So kreisten die Verhandlungen immer wieder um die Unterbringung in Privatquartieren, den Austausch von Journalisten und Einladungen auf Familienbasis. Letztlich konnten die Wuppertaler sich nicht durchsetzen und akzeptierten resigniert das Verhandlungsergebnis, um die Städtepartnerschaft nicht grundsätzlich zu gefährden.


Im Februar 1987 wurde der Vertrag zunächst in Wuppertal und 14 Tage später in Schwerin feierlich ratifiziert. Während des Festaktes im Schweriner Schloss stellte der Oberbürgermeister die Partnerschaft in den Rahmen der deutsch-deutschen Beziehungen und thematisierte neben den Systemunterschieden auch die Wettrüstung im Weltall und die sowjetischen Vorschläge zur Vernichtung von Atomwaffen. Die Wuppertaler Oberbürgermeisterin hielt dagegen, man dürfe die Kommunen nicht überfordern und wehrte sich gegen wechselseitige Schuldzuweisungen in weltpolitischen Fragen.


Im ersten Jahr der Städtepartnerschaft zwischen Schwerin und Wuppertal gab es ein relativ großes Interesse der westdeutschen Medien. Sie berichteten über städtebauliche Themen, Kultureinrichtungen und Betriebe, aber auch über die Meinungen der Wuppertaler und Schweriner Bürger. Diese hofften vor allem auf direkte Kontakte, kulturellen Austausch und – im Falle der Schweriner – mehr oder weniger zuversichtlich auf eine Lockerung der Reisemöglichkeiten.


Die Berichterstattung in den DDR-Medien hingegen war eher zurückhaltend. Das „Neue Deutschland“ berichtete in wenigen Zeilen über die Unterzeichnung des Städtepartnerschaftsvertrages und auch die Beiträge in den Lokalzeitungen gingen über formale Berichte über die Delegationsbesuche nicht hinaus. Eine Anfrage der Wuppertaler, die beiden Partnerstädte gemeinsam im ZDF zu präsentieren, wurde von den Schwerinern abgelehnt. Der tatsächliche Austausch zwischen den beiden Städten hatte sehr überschaubare Ausmaße. Delegationen aus Schweriner Stadtverordneten und handverlesenen Bürgern reisten ein- bis zweimal im Jahr nach Wuppertal und empfingen im Gegenzug Delegationen aus der Partnerstadt. Im Juli 1987 konnte die erste Wuppertaler Jugendgruppe Schwerin besuchen. Die 21 Gymnasiasten hatten sich offensichtlich über Monate hinweg auf die Reise vorbereitet. Sie stellten bei Gesprächsrunden ebenso gezielte wie kritische Fragen und bemühten sich über die offiziellen Kontakte hinaus um den Austausch privater Adressen. All das beobachteten die Schweriner Behörden äußerst misstrauisch. Den Berichten der Staatssicherheit zufolge gelang es den Schülern denn auch kaum, sich individuell zu verabreden. Der Gegenbesuch der Schweriner Jugenddelegation wurde von einer Genossin der Kreisleitung der FDJ geleitet und bestand ausschließlich aus zuvor überprüften, staatstreuen jungen Frauen und Männern.


Neben dem Jugendaustausch gab es auch einige Wuppertaler Sportmannschaften, die für Wettkämpfe nach Schwerin kamen. Dass selbst hier die Politik mit im Spiel sein konnte, zeigt ein Kommentar des Vorsitzenden der BSG Post, der behauptete, der Sieg seiner Mannschaft sei auf die gute politisch-ideologische Motivierung und Trainingsvorbereitung zurückzuführen.


Die Kirchen wie auch der Tourismus waren aus den städtepartnerschaftlichen Vereinbarungen ausdrücklich ausgeklammert. Dass es dennoch eigenständige Kontakte zwischen Kirchenvertretern aus Schwerin und Wuppertal gab, konnte dadurch nicht verhindert werden. Und zumindest aus Wuppertal besuchten hin und wieder auch touristische Reisegruppen die Stadt mit den sieben Seen, die so manch einer der Teilnehmer noch aus eigener Anschauung kannte, weil er hier aufgewachsen war. Die beständigen Bemühungen der Wuppertaler um einen kulturellen Austausch zwischen beiden Partnerstädten konterten die SED-Funktionäre gewöhnlich mit dem Verweis auf das zwischenstaatliche Kulturabkommen. In dieser wie in vielerlei anderen Fragen setzte die SED ihre Haltung gegen so manchen Widerstand ihrer Wuppertaler Partner erfolgreich durch. Doch angesichts der inneren Krise der DDR blieben solche kleinen außenpolitischen Erfolge letztlich bedeutungslos.


Seit 1990 kann die Städtepartnerschaft als das gestaltet werden, was sie immer sein sollte: eine lebendige Verbindung zwischen zwei Städten und ihren Bürgern. Dass der ursprüngliche Sinn von Städtepartnerschaften – die Verständigung und Versöhnung zwischen ehemaligen Kriegsgegnern – inzwischen von der Geschichte eigentlich überholt wurde, ist eine neue Herausforderung.

Wann gab es die erste Städtepartnerschaft?
Die erste deutsch-deutsche Städtepartnerschaft hat im vergangenen Jahr Silberhochzeit gefeiert: Am 19. September1986 gingen Eisenhüttenstadt im heutigen Ostbrandenburg und das saarländische Saarlouis nach langen Verhandlungen ein solches Bündnis ein – zu DDR-Zeiten glich das einer politischen Sensation. Das Beispiel machte Schule. Bis zur Wende wurden fast 60 deutsch-deutsche Städtepartnerschaften angebahnt. Nach der Wende stieg die Zahl auf knapp 600 an.

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