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Gadebusch-Rehnaer Zeitung

22. November 2017 | 12:17 Uhr

JVA Bützow : Der Pastor für die schweren Jungs

vom
Aus der Redaktion der Gadebusch-Rehnaer Zeitung

Andreas Timm ist Gefängnisseelsorger in der JVA Bützow und berichtet in der Münzstadt über seinen Alltag im Knast

svz.de von
erstellt am 07.Sep.2017 | 04:45 Uhr

Diebe, Räuber, Betrüger, Sexualstraftäter, Totschläger – diese Männer sind alles andere als harmlose Schäfchen einer ganz normalen Kirchengemeinde. Es sind Strafgefangene, die in der Justizvollzugsanstalt Bützow teils langjährige Haftstrafen absitzen. Andreas Timm ist Gefängnisseelsorger in der im Jahr 1839 erstmals mit Gefangenen belegten und heute damit ältesten Haftanstalt des Landes. Beim Männerbrunch der Evangelischen Kirchengemeinde Gadebusch berichtet der 62-Jährige über seinen Alltag im Knast.

„Freiheitsentzug ist das stärkste Mittel einer Gesellschaft, um Menschen zu bestrafen“, sagt Andreas Timm. Und als einer von drei Gefängnisseelsorgern in Mecklenburg-Vorpommern weiß er, wovon er spricht. In der JVA Bützow geht er täglich ein und aus. Ein Pendler zwischen drinnen und draußen, zwischen Freiheit und einer Welt hinter Mauern. 440 Gefangene sitzen heute dort ein, beinahe drei Mal so viele waren es noch zum Ende der früheren DDR.

Gefängisseelsorger als Vollzeitstelle. Kirche im Knast. Wozu eigentlich? „Die Gesprächsgruppen und Gottesdienste bieten den Gefangenen einen Freiraum in einem totalitären System. Das haben diese Menschen begriffen“, erklärt Andreas Timm. Denn innerhalb der Gefängnismauern sei alles fremdgeregelt. Vom morgendlichen Aufstehen bis zum Zähneputzen. Bohnenkaffee nur am Sonntagmorgen. 35 Euro Taschengeld im Monat. 23 Stunden täglich in der Zelle sei für die Inhaftierten der Normalfall. Schimpfend, klagend, nölend – aber manchmal auch durchaus empfindsam erlebt der Bad Doberaner die Verurteilten. „Das sind teilweise richtig schwere Jungs, die sich nicht in die Karten schauen lassen. Vertrauen aufbauen kann da ganz schön lange dauern.“

Gut 60 Prozent der Häftlinge haben mit Sucht- und Alkoholproblemen zu kämpfen. Knast bedeutet Entzug. Und dennoch. Das System sei nicht absolut sicher, so Timm. Immer wieder werde heimlich Alkohol angesetzt, würden Drogen bei den Gefangenen gefunden. Trotz acht Meter hoher Gefängnismauern und zusätzlichem Stacheldraht.

Hohe Schulabschlüsse seien bei den Inhaftierten selten. Bildungsfernes Milieu. „Je schlechter die Bildung, um so eher werden sie straffällig“, weiß Timm. Entscheidend sei, wo jemand aufgewachsen ist. „Einige der Gefangenen haben selbst Missbrauch und Gewalt erlebt. Trotzdem machen sie so etwas selbst, weil sie keine andere Möglichkeit kennen, sich zu artikulieren. Hier kann Knast ganz heilsam sein, um diesem Teufelskreis zu entkommen.“ Grundsätzlich spricht der Seelsorger von Menschen wie du und ich, mit denen er täglich zu tun habe: „Sie haben Gaben und Nöte wie die Menschen draußen auch, wobei die Nöte aber klar überwiegen.“

 

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