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Gadebusch-Rehnaer Zeitung

17. Oktober 2017 | 20:34 Uhr

Insolvenz : Der lange Weg aus der Schuldenfalle

vom
Aus der Redaktion der Gadebusch-Rehnaer Zeitung

Beratungsstelle verzeichnet mehr Privatinsolvenzen – doch manchmal wollen Schuldner ihre Gläubiger auch aus eigener Kraft bedienen

svz.de von
erstellt am 30.Jan.2014 | 00:02 Uhr

Manchmal funktioniert die Klingel der Schuldnerberatungsstelle in Gadebusch nicht. „Bitte klopfen“, steht auf einem gelben Zettel geschrieben. Es wird viel geklopft an diesem kalten Vormittag Ende Januar. Der Bedarf an Beratung ist groß. Der Kundenstamm von Schuldnerberaterin Sylvia Entelmann auch. 59 Neuzugänge hat sie 2013 aufgenommen, 148 Altfälle werden noch von ihr bearbeitet und 56 Fälle konnte sie zu den Akten legen. „Im Vergleich zu den Vorjahren ist das keine große Veränderung. Auffällig ist jedoch, dass die Zahl der Privatinsolvenzen zugenommen hat“, sagt die 48-Jährige. Wählten 2012 noch 30 Privatpersonen diesen Weg, um nach sieben Jahren einen finanziellen Neustart machen zu können, waren es im vergangenen Jahr bereits 36. Doch nicht immer wird dieser Weg gewählt, um vom Schuldenberg herunter zu kommen. „Es gibt auch Fälle, da wollen es die überschuldeten Menschen aus eigener Kraft schaffen. Und wir helfen ihnen dabei“, weiß Sylvia Entelmann.


18 Gläubiger, 24 000 Euro Schulden


Stefanie* ist eine von diesen Menschen. Ein so genannter Altfall, der schon seit 2005 in der Kartei der Schuldner- und Verbraucherinsolvenzberatungsstelle in Gadebusch geführt wird. Stefanie ist gerade 22, als sie Hilfe bei der Schuldnerberatung sucht. Die junge Frau hat 24 000 Euro Schulden und keine Arbeit, sie hat 18 Gläubiger und keinen finanziellen Spielraum, um die Geldforderungen zu begleichen. „Sie war völlig am Boden zerstört“, erinnert sich Schuldnerberaterin Entelmann.

Was ist passiert? 2002 zieht Stefanie vom Land in eine Großstadt. Sie ist voller Tatendrang, beginnt eine Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau und sucht sich eine Mitbewohnerin für eine Wohngemeinschaft. Stefanie trägt sich als Mieterin ein, zahlt die Kosten für Wohnung und Nebenkosten und bleibt alleine auf ihnen sitzen. Ihre Mitbewohnerin nutzt die Naivität der jungen Frau schamlos aus, bestellt unter ihren Namen bei verschiedenen Versandhäusern Ware. Zu sorglos, auch zu dumm sei sie gewesen, sagt Stefanie später, um zu erkennen, dass sie für alle Rechnungen alleine aufkommen müsse. Und die Rechnungen hatten es nach drei Jahren in sich. Der Vermieter wollte 4300 Euro haben, Energieversorger 1500 Euro, Mobilfunkanbieter 2300 Euro. Versandhäuser forderten Geld, Internetanbieter auch. 24 000 Euro im Soll – die Schuldenfalle hat zugeschnappt.


Einmalzahlungen und Ratenzahlungsvergleiche


Stefanie schafft ihre Ausbildung, zieht aus, um endlich Distanz zur WG-Partnerin zu gewinnen. Doch eine neue Wohnung findet sie nicht. Negative Schufa-Auskunft, kein Job, keine Perspektive. Sie zieht zurück zu ihrer Mutter nach Nordwestmecklenburg, wohnt in einem kleinen Zimmer, ist psychisch angeschlagen und braucht Hilfe, die sie bei der Schuldnerberatung sucht und findet.

Nein, eine Privatinsolvenz wolle sie nicht. Sie möchte alleine aus dem Schlamassel kommen, in den sie sich selbst hinein manövriert hatte. Doch wie lässt sich dieser Schuldenberg abtragen?

„Zuerst ging es darum, einigen Gläubigern klar zu machen, dass Stefanie betrogen worden ist und ihre Mitbewohnerin für einige Rechnungen aufkommen muss“, sagt Sylvia Entelmann. Die arbeitslose Frau bekommt Prozesskostenhilfe und einen Anwalt, mit dessen Unterstützung gleich sechs Gläubiger nach Gerichtsverfahren ihre Forderungen an Stefanie einstellen müssen. Von 18 Gläubigern sind jetzt noch zwölf übrig.

„Jetzt wurden die Gläubiger kontaktiert, die die geringsten Forderungen stellten“, erklärt Entelmann. Vergleiche werden angestrebt. In einem Fall verlangt ein Stromanbieter 260 Euro – und lässt sich auf die Einmalzahlung von 100 Euro ein. Die Mutter von Stefanie merkt, dass ihre Tochter hartnäckig und diszipliniert daran arbeitet die Schulden abzubauen und unterstützt sie dabei. Stefanie hat wieder einen Job – und nur noch sechs Gläubiger.

„Ratenzahlungsvergleiche mussten erarbeitet werden“, sagt die Schuldnerberaterin. 670 Euro sind in einem Fall fällig. 400 Euro sollen bezahlt werden. Die Ratenzahlung beträgt 20 Euro pro Monat. Allein damit hat Stefanie 20 Monate lang zu kämpfen. Doch es gelingt, und die Raten für die anderen Gläubiger bedient sie auch.


Ende 2014 ist alles abbezahlt


Dezember 2013. Stefanie ist jetzt verheiratet, hat eine kleine Tochter. 630 Euro – das ist der Betrag, den die jetzt 30-Jährige noch einem Gläubiger schuldet. „Das wird sie bis Ende 2014 abbezahlt haben“, ist sich Sylvia Entelmann sicher. Dann wird sie die Akte Stefanie schließen können. Nach neun Jahren. *Name ist der Redaktion bekannt

 

 

 

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