Selbstgemacht : Der Korbflechter von Goddin

Zirka zwei Tage Arbeit stecken in einem großen Weidenkorb.
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Zirka zwei Tage Arbeit stecken in einem großen Weidenkorb.

Karl-Hein Niemann als Fachmann für Weidenkörbe beim Stöllnitzer Markt.

svz.de von
11. Dezember 2013, 05:30 Uhr

Karl-Heinz Niemann aus Goddin beherrscht die Kunst des Körbeflechtens. Alte Handwerkstechnik, die der 86-Jährige als Kind von seinen Großeltern und Eltern erlernt. Es waren die 1920er-Jahre, eine Zeit, in der auf zahlreichen Bauernhöfen in der Region die Eigenproduktion von Gegenständen hoch im Kurs standen. So entstanden Waren für Tauschgeschäfte oder zum Verkauf für Märkte.

Für Märkte, produziert Niemann heute noch sehr gern. Ein wichtiger Anlaufpunkt wird am kommenden Sonntag der Kunst- und Handwerkermarkt im Dorfgemeinschaftshaus von Stöllnitz sein. „Der erste Tisch an der Tür, das ist mein Platz“, so der Goddiner.

Bis dahin wird der Senior noch einige Stunden auf seiner Abziehbank verbringen – Zweige spalten und schälen. Denn der Schlüssel zum Erfolg, der liegt in der richtigen Stärke der zu verarbeitenden Holztriebe. „Vor allem muss es Rotweide sein, wie sie sich an Wegen findet. Bruchweide ist völlig ungeeignet“, erzählt Karl-Heinz Niemann.

Er setzt sich auf seine Abziehbank und legt los. Klemmholz auf, Weidenzweig unterlegen, festklemmen und mit dem Schäleisen in Längsrichtung das Holz aufspalten. Das geschieht mehrfach, bis die Weide geschmeidig wird. Nur lasse sich ein engmaschiger Korb fertigen.

Eine Kraft zehrende Arbeit, die Ausdauer erfordert. „Nur mit Durchhaltevermögen und Lust auf Veränderungen lässt sich im Leben etwas erreichen“, sagt Niemann. Er beginnt zu erzählen, von seiner Kindheit, der Jugend und seiner Bewerbung als Lehrling für Landwirtschaft beim Gutsinspektor von Goddin. „Dann kam der Krieg und das Jahr 1944. Zu Weihnachten bin ich zum Militärdienst eingerückt. Im April 45 kam ich verwundet in Gefangenschaft nach Tschechien“, sagt Niemann. Bei einem Bauern erhielt er dort die Möglichkeit zur Aufnahme einer Arbeit. „Nach einiger Zeit bot er mir seinen Bauernhof mit Tochter an. Aber ich wollte einfach nur nach Hause“, erzählt er. Als die Lager-Kommandantur den üblichen Wildbraten vom Bauern nicht erhielt, war es mit der Arbeit vorerst vorbei.

Ein weiteres Mal bot er seinen Dienst einem anderen Bauern an. „Wir haben dort mit den Mädels geflirtet und bekamen den Hinweis von einem Gefangenentransport, der von Tschechien nach Russland ansteht“, so Niemann. Er habe damals nur einen Gedanken gefasst: Abhauen. Und: „Entweder es klappt oder ich bekomme eine Kugel ab.“ Die Flucht vom Bauernhof gelingt in Richtung Österreich. Es folgt die Gefangenschaft unter amerikanischer Obhut, dann geht es weiter nach Deutschland, bis Niemann 1946 die Heimat erreicht. „Als ich zu Hause war, begann ich mit der Bewirtschaftung des Hofes“, sagt der 86-Jährige. 40 Hektar Ackerfläche, Wald und Wiesen mussten beackert und bewirtschaftet werden. Erst drei Jahre nach seiner Heimkehr, meldete sich sein Stiefvater aus der Gefangenschaft. „Ein ereignisreiches Leben. Da lassen sich ganze Romane von schreiben“, meint Niemann und lacht.

Die Freude am Flechten, die ist geblieben und dient als motivierende Tagesbeschäftigung. Zwei Tage dauere es, bis ein großer Korb die Werkstatt verlässt, einen Tag für einen kleinen. Am Sonntag wird Karl-Heinz Niemann einen ganzen Kofferraum voll Weidenkörbe zum Stöllnitzer Markttreiben mitbringen. „Die lassen sich sehr gut für Brennholz, Kartoffeln und Obst verwenden“, so der Senior.

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