Festspiele Wismar - Interview : Der „Jedermann“ für taube Ohren

Andreas Conrad, Projektmanager der Jedermann-Festspiele in Wismar.
Andreas Conrad, Projektmanager der Jedermann-Festspiele in Wismar.

Wismarer Festspiele feiern heute große Premiere. Eine Sondervorstellung für Menschen mit Hörbehinderung indes läuft nur schwer an.

svz.de von
03. Juli 2015, 12:00 Uhr

Während heute Abend um 20 Uhr die diesjährigen Jedermann-Festspiele in der voraussichtlich ausverkauften St. Georgen-Kirche zu Wismar ihre große Premiere feiern, steckt Andreas Conrad bei aller Freude bereits in den Vorbereitungen für die nächste Premiere. Denn am 1. August geht das Wismarer Theaterspektakel erstmals auch für Gehörlose und Menschen mit Hörbehinderung über die Bühne. SVZ-Redakteur Holger Glaner unterhielt sich mit dem Berliner Jedermann-Projektmanager.

Am 1. August wird der „Jedermann“ mit der Vorstellung für Menschen mit Hörbehinderung tatsächlich ein Spektakel für Jedermann. Wie kamen Sie auf diese Idee der Premiere nach der Premiere?
Andreas Conrad: Wir wollten etwas von dem zurückgeben, was wir hier in Wismar in den zurückliegenden Monaten bekommen haben. Ein Projekt für Kinder und Jugendliche scheiterte wegen fehlender Kooperationspartner. Da entwickelte sich dann schnell die Idee, den Jedermann für Menschen auf die Bühne zu bringen, die man mit Theater sonst nicht oder nur schwer erreicht.

Und wie ist die Resonanz auf dieses bemerkenswerte Projekt?
Ehrlich gesagt, bislang absolut enttäuschend. Von den 200 Plätzen, die wir für die Nachmittagsvorstellung in den ersten Zuschauerreihen geblockt hatten, haben wir mittlerweile die Hälfte wieder in den freien Verkauf gegeben. Sonst würde diese Vorstellung in einem finanziellen Desaster enden. Und das, obwohl alle Schauspieler und Musiker auf ihre Gage verzichten. Denn bis dato hatten wir gerade einmal zwei Interessenten.

Das tut bestimmt weh. Was ist denn da schief gelaufen?
Das wüsste ich auch gern. Wir haben wirklich einen Riesen-Pressewirbel um diese Veranstaltung gemacht, waren damit in allen Medien. Es gibt Leute, die versuchen uns zu beruhigen: Das käme noch, die Mecklenburger würden sich erst drei Tage vor Toresschluss aufraffen und zu dem Besuch des Stückes entscheiden. Ich hoffe, sie behalten recht.

Verschwindet die Idee vom „Jedermann“ für Jedermann andernfalls schneller wieder in der Schublade, bevor sie da überhaupt raus war?
Wenn das Interesse wirklich so gering bleiben sollte, macht das keinen Sinn. Dennoch haben wir vor, das jährlich zu wiederholen. Irgendwann muss diese Idee greifen. Denn dass ein Theaterstück mit Gebärden- und Schriftdolmetscher gleichzeitig begleitet wird, ist deutschlandweit einmalig.

Wenn Sie Werbung in eigenen Sache machen dürften, warum sollen Gehörlose und Menschen mit Hörbehinderung die Vorstellung am 1. August besuchen?
Natürlich, weil sie großartiges Theater zu sehen bekommen. Und weil sie die auf der Bühne gesprochenen Texte live in Gebärdensprache und Schrift übersetzt bekommen. Darüber hinaus stehen technische Hilfsmittel wie Großmonitore und Hörschleifen zur Verfügung.

Und was kostet der Spaß?
Menschen mit Hörbehinderung bekommen ihre Tickets zum stark ermäßigten Eintrittspreis von nur 25 Euro. Ein Sonderpreis, der übrigens auch für jeweils eine Begleitperson gilt.

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