Busfahren in Rieps : Der Anrufbus steht in der Kritik

An 50 Schultagen ist Lars Oldenburg allein im ersten Lehrjahr auf einen Anrufbus angewiesen. Morgens übernimmt allerdings Mutter Andrea diesen Part. Deshalb will der 17-Jährige jetzt seinen Führerschein machen.
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An 50 Schultagen ist Lars Oldenburg allein im ersten Lehrjahr auf einen Anrufbus angewiesen. Morgens übernimmt allerdings Mutter Andrea diesen Part. Deshalb will der 17-Jährige jetzt seinen Führerschein machen.

Der Linienbus-Zubringer verkehrt nur in zwei jeweils vierstündigen Zeitfenstern / Nahbus ist an dem Thema dran

svz.de von
10. März 2016, 05:15 Uhr

Andrea Oldenburg ist genervt. Um 4 Uhr aufstehen, 45 Minuten später ihren Sohn Lars mit dem Auto von Rieps zum Bus nach Rehna bringen. Dort nimmt der 17-Jährige um 5.10 Uhr den Bus nach Gadebusch, steigt auf seinem Weg ins Schulische Ausbildungszentrum in die Linie 140 nach Schwerin Lankow um, wo er eine Stunde später ankommt. „Ich bin selbst berufstätig und arbeite in Schichten, da ist es eine Tortur, sein Kind täglich frühmorgens nach Rehna zu fahren“, so die Riepserin. Ein Linienbus oder aber ein Anrufbus fahren Rieps so früh am Morgen noch nicht an. Ein Dilemma für die 48-Jährige.

Einerseits ist dies ein Einzelschicksal, offenbart aber darüber hinaus ein grundsätzliches Problem. Denn die sogenannten Anrufbusse, die Fahrgäste aus abgelegenen Ortschaften zur nächstgelegenen Haltestelle eines Linienbusses befördern sollen, verkehren nicht ganztägig. Das Zeitfenster, in dem Fahrgäste wochentags den Anrufbus nutzen können, erstreckt sich derzeit lediglich auf die Spanne zwischen 6 und 10 Uhr sowie den Zeitraum zwischen 14 und 18 Uhr. Wer außerhalb dieses Fensters den Anrufbus als Zubringer nutzen möchte, schaut in die Röhre. Da ist dann Eigeninitiative gefragt. So wie bei den Oldenburgs. „Ich möchte erreichen, dass mir das morgendliche, insgesamt 30 Kilometer lange Pendeln zwischen Rieps und Rehna erspart bleibt“, so Mutter Andrea.

Anderer Ort, ähnliche Problematik: Nach Unterrichtsschluss kommen die Schüler des Wismarer Berufsschulzentrums Nord von dessen Zweigstelle in Zierow mehr schlecht als recht nach Hause. Denn vor 13.30 Uhr verlässt kein Linienbus den kleinen Ort in der Wismarbucht und der Anrufbus steuert den Berufsschulstandort wie gerade beschrieben auch erst eine halbe Stunde später an. Klingelt die Schulglocke früher, bleibt im Zweifel nur ein knapp vier Kilometer langer Fußmarsch nach Wismar oder Gägelow, um eine Haltestelle der nächstgelegenen Taktlinie zu erreichen.

Die Problematik des zu engen Zeitfensters, in dem die Anrufbusse verkehren, ist den Verantwortlichen durchaus bekannt. „Grundsätzlich sind wir an dem Thema, ob das Zeitfenster momentan sauber abgebildet ist, dran“, so Jörg Lettau. Doch dies sei nach Aussagen des Geschäftsführers der Nahbus Nordwestmecklenburg GmbH noch nicht genau zu verifizieren.

Zu lösen scheint die Problematik ohnehin nur durch zwei Möglichkeiten: Entweder es wird eine ständige Linienverbindung zu solchen Zielen eingerichtet oder aber das Anrufbus-Zeitfenster wird ausgedehnt oder sogar auf die komplette Bedienzeit des Taktnetzes ausgeweitet. Wenn es das ist, was der Fahrgast braucht, müsste hier nachgebessert werden. Das hingegen liegtnicht mehr im Entscheidungsbereich des Nahbus-Chefs, sondern beim Landkreis als Aufgabenträger und dem Kreistag Nordwestmecklenburg. Bis es zu einer Korrektur kommen könnte, wird einige Zeit ins Land gehen. Zu viel Zeit vermutlich für Lars Oldenburg. Der Azubi macht jetzt seinen Pkw-Führerschein, um so bald wie möglich nicht mehr auf die frühmorgendliche Hilfe seiner Mutter und den Öffentlichen Personennahverkehr angewiesen zu sein.

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