Internet-Frust in Utecht : Das Tal der Datenlosen

Ein Utechter auf einer Leiter: Johannes Ellmann auf Empfangsucher am Rande Mecklenburgs. Fotos: Michael Schmidt
1 von 2
Ein Utechter auf einer Leiter: Johannes Ellmann auf Empfangsucher am Rande Mecklenburgs.

Einwohner beklagen eine der schlechtesten Internetanbindungen in MV

von
17. Mai 2017, 05:00 Uhr

Zum Telefonieren auf eine Leiter und für Software-Aktualisierungen über die Landesgrenze nach Schleswig-Holstein – Einwohner der Gemeinde Utecht fühlen sich wie im Tal der Datenlosen. Denn von einem Anschluss an die schnelle Datenautobahn können sie am Rande Mecklenburgs bislang nur träumen.

„Katastrophal“, bezeichnet der stellvertretende Bürgermeister Johannes Ellmann die Internetanbindung. Selbst das Telefonieren via LTE sei problematisch und berge Risiken bei Notfallalarmierungen. Ellmann hat mittlerweile eine Kastanie als halbwegs geeigneten Standort zum Telefonieren oder Internetsurfen im Schneckentempo ausfindig machen können.

Ein paar Kilometer weiter sieht die Lage anders aus. Dort in Schleswig-Holstein werben die Vereinigten Stadtwerke in Groß Grönau für die digitale Zukunft mit Datenraten von 200 Mbit pro Sekunde. Ein Traum für Utechter. Sie nehmen für Software-Updates mittlerweile Fahrten bis Lübeck auf sich. Denn in der Hansestadt bietet ein Einkaufscenter kostenloses und vor allem schnelles WLAN an. „Wir werden dort immer zu Datenmonstern, um Updates vorzunehmen“, meint ein Utechter.

Er und viele weitere Nordwestmecklenburger warten seit Monaten auf den ersten Spatenstich für den Bau der schnellen Datenautobahn. Doch seit dem vergangenen Jahr wurde im Landkreis bislang kein Kilometer davon im Zuge des Bundesförderprogramms gebaut. Und das wird sich in den nächsten sechs Monaten wohl auch nicht ändern. Denn frühestens im Juni dieses Jahres könnten Aufträge an Beraterfirmen vergeben werden, die wiederum die Ausschreibung für die 14 Fördergebiete im Landkreis vorbereiten sollen. Und frühestens zum Jahreswechsel 2017/2018 rechnet der Landkreis mit der Beauftragung von Unternehmen für den Breitbandausbau in Nordwestmecklenburg. „Vorher wird es nicht klappen“, betont Dr. Roland Finke von der Stabsstelle für Wirtschaftsförderung, Regionalentwicklung und Planen.

Finke und der amtierende Landrat Mathias Diederich sprechen von einem der bislang größten Investitionsprojekte in Nordwestmecklenburg. Und dabei müsse Sorgfalt vor Schnelligkeit gehen. Denn sie wollen eines vermeiden: Rechtsstreitigkeiten und jahrelange Investitionsblockaden als Folge etwaiger Ausschreibungsfehler.

Rund 190 Milllionen Euro stehen für den Breitbandausbau im Landkreis Nordwestmecklenburg zur Verfügung. Ziel ist, jedem Haushalt einen Internetanschluss von mindestens 50 Mbit pro Sekunde bereitzustellen. Bis 2018 soll das geschafft sein.

Dass bis dahin die Millionen verbaut sein könnten, stufen Verwaltungsexperten auf Ämterebene längst als unrealistisch ein. Angst, dass Fördermittel in Millionenhöhe verloren gehen könnten, hält der amtierende Landrat Mathias Diederich wiederum für unbegründet: „Wir gehen davon aus, dass wir etwaige Fristverlängerungen bekommen würden, wenn wir den Zeitraum nicht einhalten können.“ Übergangslösungen zum Beispiel für die Einwohner von Utecht hält der Landkreis nicht für möglich.

„Ich kann komplett nachvollziehen, was die Leute dort durchmachen“, meint Roland Finke. Er sei an seinem Wohnort in einer vergleichbaren Lage und schon deshalb bis in die Haarspitzen motiviert, dass Nordwestmecklenburg ein Breitbandnetz erhält, dass die Anforderung für die nächsten Jahrzehnte erfülle.

Bis das erreicht ist, müssen im Tal der Datenlosen Einheimische und Feriengäste wohl weiterhin auf Leitern klettern oder bis in Dachstübchen vordringen, um ein Datennetz ausfindig zu machen.  

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen