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Semmelrogge: Literaturhaus statt Knast : "Das Leben ist eine Achterbahn"

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Literaturhaus statt Knast in Waldeck: Der wegen Fahrens ohne gültigen Führerschein verurteilte Schauspieler Martin Semmelrogge hat seinen Freigang für eine Lesung in Klütz genutzt.

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erstellt am 03.Feb.2013 | 06:38 Uhr

Nordwestmecklenburg | Einen schonungslosen Einblick in sein Leben gewährte der Schauspieler Martin Semmelrogge 70 Gästen einer literarischen Matinee. Seinen Freigang hatte der wegen Fahrens ohne gültigen Führerschein zu einer mehrmonatigen Haftstrafe verurteilte Semmelrogge für eine Lesung im Klützer Literaturhaus "Uwe Johnson" genutzt. Dort stellte er seine Autobiografie "Das Leben ist eine Achterbahn" vor. Dabei sparte Semmelrogge nicht mit Ironie. So schilderte er den Gästen, wie er als Kind mit dem BMW seines Vaters die ersten illegalen Autofahrten unternahm und vor einem leeren Krankenhaus-Parkplatz Schleudertests durchführte. "Der Wagen hatte Heckantrieb. Ich übte begeistert das Gegensteuern - etwas, was heute nur die wenigsten Führerscheininhaber beherrschen", sagte Semmelrogge unter dem Gelächter der Zuhörer.

Während der Lesung verdeutlichte Semmelrogge auch, wie es ihn nach Mecklenburg zu den Grevesmühlener Piraten verschlug. Er und der Schauspieler Benjamin Kernen hätten sich ziemlich schnell darauf geeinigt, dass die Piraten ein wenig Unterstützung bräuchten - vom alten U-Boot-Fahrer, wie Semmelrogge nicht ohne Grund betonte. Denn mit dem Film "Das Boot" hatte er einst den Durchbruch als Schauspieler geschafft. Später war Semmelrogge auch in dem preisgekrönten Film "Schindlers Liste" zu sehen.

Ein Tiefpunkt in seinem Leben war die Zeit des Drogenkonsums. "Die Drogen waren einst auf der Leinwand ein beliebtes Thema und ich glich mich privat immer mehr meinen Rollenklischees an", so Semmelrogge. Er habe nicht nur Koks genommen, sondern auch Heroin - beispielsweise an einem Abend, als er nach einer Fete von West-Berlin über Frankfurt am Main nach München fahren wollte. Dabei kam er mit seinem Wagen von der Route ab und fand sich plötzlich kurz vor der pol nischen Grenze wieder. Zu spät sei ihm auf Hinweisschildern aufgefallen, dass hinter dem Stadtnamen Frankfurt ein Schrägstrich und ein "O" wie Oder folgten. "Mich durchfuhr ein eisiger Schreck", so Semmelrogge, "Drogen waren ja angeblich bewusstseinserweiternd, wissenserweiternd waren sie jedenfalls nicht..."

Jetzt, Jahrzehnte später und als er fast keine Beziehung mehr zu Deutschland hatte, habe er im Nordosten neue Freunde gefunden: "Hier traf ich auf einmal auf ganz normale Norddeutsche, die natür liche, tolle Menschen ohne Vorurteile sind."

Fast zweieinhalb Stunden plauderte Semmelrogge gestern im Klützer Literaturhaus "Uwe Johnson", sang zeitweilig mit "Maika & Band" und begeisterte seine Zuhörer. "Er ist sehr locker, sehr menschlich. Ich hätte nicht gedacht, dass er so positiv über Mecklenburg spricht", meinte beispielsweise Dirk Eisenhuth (55) aus Brook. Christine Brandt (51) aus Groß Pravtshagen sagte: "Das war eine Super-Lesung. Dieser Mann hat keine Allüren".

Zu sehen sein könnte Semmelrogge - er darf die Justizvollzugsanstalt Waldeck am Tag für 14 Stunden verlassen - in Zukunft wieder auf der Bühne der Grevesmüh lener Piraten. So kündigte der Schauspieler gestern an: "Ich bin ein Pirat und bleibe ein Pirat. Wenn ich gefragt werde, bin ich auch wieder dabei."

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