Dechow : Das Kreuz mit dem Kontrabass

Vorleser Clemens v. Ramin mit Guido Jäger am Kontrabass, um den sich alles drehte.
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Vorleser Clemens v. Ramin mit Guido Jäger am Kontrabass, um den sich alles drehte.

Legendärer Monolog nach Patrick Süskind krönte die 10. Saison der Kulturtage Dechow

Clemens von Ramin – die Stimme spricht für sich! Wie bereits vor fast genau zwei Jahren mit der Tucholsky-Satire „Lottchen wird saniert“ füllte der „Vorleser aus Leidenschaft“ auch jetzt wieder die Dechower Dorfbühne restlos aus. Vor buchstäblich „er- bzw. belesenem“ Publikum machte der norddeutsche Schauspieler das Stück „Der Kontrabass“ von Patrick Süskind lebendig, welches nicht von ungefähr zu den meistgespielten Monologen auf deutschen Bühnen zählt.

Dieser ausgesprochen berührende literarische Abend bekam noch zusätzliche Authentizität durch den leibhaftigen Kontrabassisten Guido Jäger und sein beachtliches Streichinstrument, die u.a. als musikalische Bühnenpartner von Giora Feidman durch die Welt touren.

Diese überdimensionale „Steh- oder Sitz-Geige“ beansprucht in der Tat den Platzbedarf eines ausgewachsenen Menschen und schafft in einer Orchesterbesetzung wohl den tiefsten Ton mit einer Frequenz von 41,2 Hertz, kann aber auch „so hoch spielen, dass es niemand mehr hört“ – zumindest theoretisch. Schon bei dieser augenzwinkernden Einführung am praktischen Beispiel hielt es die Dechower Zuschauer vor Vergnügen kaum mehr auf den Stühlen.

Das eingespielte Künstlerduo – scheinbar nur im Kerzenschein auf der Bühne – überzeugte sein Publikum nicht nur von der tönenden „Durchschlagskraft“ eines auf seinen vier Saiten quartenstimmigen Kontrabasses, sondern auch von dem Hindernischarakter des 1,92 Meter hohen und recht korpulenten Musikinstruments unverkennbar weiblicher Silhouette.

Er, der Kontrabass, stehe immer nur im Wege – sogar seiner heimlichen (unerklärten und daher unerwiderten) Liebe, beklagte sich Süskinds namenloser Protagonist (beamteter Instrumentalist aus der 3. Reihe eines Staatsorchesters) in Gestalt des augenscheinlich genialen Charaktermimen Clemens von Ramin. Dem Vorleser unter der Leselampe gelang es dermaßen glaubhaft, in die wechselnden Stimmungen seiner – parallel von Guido Jäger verkörperten – Literaturfigur zu schlüpfen, dass das hingerissene Publikum beinahe glaubte, der Inhalt seiner beiläufig geleerten Whiskey-Flaschen sei genau so echt – gefühlsecht.

Die virtuosen Spielproben des echten Kontrabassisten Guido Jäger allerdings straften das literarische Lamento, kein anständiger Komponist schriebe für Kontrabass, auf wunderbare Weise Lügen. So wurde dieser Auftritt in Dechow nicht nur zu einem rundum großartigen szenischen „Leseabend“, sondern obendrein zu einem kleinen aber ausgesprochen feinen musikalischen Leckerbissen.

Das aus mindestens vier Bundesländern angereiste Publikum quittierte ihn mit rauschendem Beifall und nutzte anschließend die seltene Gelegenheit zum hautnahen Künstlerkontakt noch ausgiebig. Die Gastgeber konnten an diesem Abend nicht nur den inzwischen zehnten Jahrgang der Kulturtage Dechow mit Gastspielen von mehr als 100 namhaften Künstlern in 43 Veranstaltungen resümieren. Etlichen Stammgästen waren auch die „über Sommer“ eigenhändig und ohne jegliche öffentliche Förderung vollbrachten Investitionen des Dorfvereins in den Saal des „Haus Dechow“ positiv aufgefallen. Neben dem handgenähten Vorhang im Hintergrund und einer genialen LED-Beleuchtung als Ersatz für das in die Jahre gekommene System ernteten vor allem die neuen, von „Hofpolsterer“ Mario Pahnke nostalgisch aufgearbeiteten Hängeleuchten Lob und Anerkennung.

Die vielen ehrenamtlich aktiven Dechower und Nachbarn um Irmgard von Puttkamer und Bernhard Hotz freuen sich schon auf die elfte Saison, die am 6. März mit musikalischem Kabarett eröffnet wird.

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