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Gadebusch-Rehnaer Zeitung

11. Dezember 2017 | 14:23 Uhr

Pilze : Das Geheimnis des Schlauchpilzes

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Pilzvereinschef Torsten Richter über die Auswirkungen des Klimawandels und weltweite Erstfunde in der Region

svz.de von
erstellt am 07.Feb.2016 | 09:00 Uhr

Eis, Schnee, Tauwetter, frühlingshafte Temperaturen – die Natur beschert uns ein Wechselspiel mitten im Winter. Nicht allein Tiere und Pflanzen sind betroffen, auch die Welt der Pilze. SVZ-Redakteur Volker Bohlmann sprach mit Torsten Richter, dem Vorsitzenden des Pilzvereins Rehna, über gute Chancen zur Pilzsuche im Winter, einen weltweiten Erstfund des Vereins und engagierte Menschen, die den Verein unterstützen.

Schnee und Eis sind Geschichte. Gibt es zum Jahresauftakt erste Pläne für eine Pilzwanderung?
Torsten Richter: Ja, richtig. Bereits im Januar gab es eine Exkursion. Wir waren auf der Suche nach Winterpilzen. Dabei dreht es sich aber nicht um Steinpilz und Co., sondern die Winzlinge unter den Pilzen. Mit Christopher Engelhardt und Silke Wiegand wollen wir 2016 ein Waldgebiet gezielt aufsuchen, um nach Pilzen zu suchen. Biologen nennen so etwas Monitoring.

Pilze lieben bekanntlich feuchtwarmes Klima. Wie geht die Welt der Pilze mit den Wetterkapriolen um?
Die aktuellen Kapriolen stecken unsere Hutträger locker weg. Das Artenspektrum ist so gewaltig und gerade die Pilze sind auf der einen Seite oft hochspezialisiert, anderseits ertragen sie oft die ungewöhnlichsten Klimaschwankungen. Sie reagieren mit Wanderungsbewegungen, d.h. sie erscheinen oftmals dann nicht mehr im Stammgebiet. Dafür kommen neue Arten hinzu z.B. der Krause Aderzähling (Plicatura crispa) oder der Tintenfischpilz (Clathrus archeri). Letzterer wurde um 1910 in Europa eingeschleppt, wahrscheinlich mit neuseeländischen oder australischen Wollimporten. Der erste deutsche Nachweis dürfte aus dem Jahr 1934 aus Karlsruhe stammen. Mittlerweile ist die Art auch in Schwerin und Lübeck angekommen.

Das alte Pilzjahr liegt bereits ein paar Tage zurück. Gab es besondere Funde?
Oh ja! 2015 war aber ein für Speisepilzsammler schlechtes Pilzjahr. Dafür wurden sehr seltene und sogar für die Welt noch unbeschriebene Arten gefunden. Christoph Höpel, ein Biologiestudent, konnte auf einer Wanderung im Lankower Wald einen zwei Millimeter kleinen Schlauchpilz auf Fichtennadeln entdecken.

Wir als Verein ließen den Fund in Luxemburg von Guy Marsson sequenzieren und unsere Vermutung wurde bestätigt: Es handelt sich um eine weltweit neue Pilzart. Der Pilz muss also in Englisch bzw. Latein neu beschrieben werden. Wenn man mal einen Vergleich mit dem Tierreich anstellen würde, dann könnte man also sagen wir haben eine neue Säugetierart entdeckt. Halt nur viel kleiner... .

Kaum zu glauben, dass der Nordwesten mit Weltfunden aufwarten kann. Wie lassen sich solche Funde feststellen?
Feststellen ist wohl nicht richtig ausgedrückt. Man muss praktisch weltweit alle renommierten Pilzspezialisten und mykologischen Institute abfragen, ob eine Art mit diesen Merkmalen schon irgendwo auf diesem Planeten bekannt ist. Mit Hilfe einiger europäischer Pilzspezialisten z.B. Hans-Otto Baral (Tübingen) konnte uns das gelingen. In diesem Zusammenhang nimmt die DNA-Sequenzierung immer mehr an Bedeutung zu.

Was ist eine DNA-Sequenzierung und wer hat die Möglichkeiten, solche Forschungsarbeiten leisten zu können?
DNA-Sequenzierung ist die Bestimmung der Basenabfolge in einem DNA-Molekül und revolutionierte viele biologische Wissenschaftsgebiete. Die Ära der Erforschung des Genbestandes ist längst angebrochen. Die Erbanlagen der verschiedenen Organismen können so vergleichend gegenübergestellt werden. Artzugehörigkeiten werden fundamentiert und verwandtschaftliche Verhältnisse geklärt. Für unseren Verein hat bereits eine spanische Firma und der Luxemburger Guy Marsson Pilze sequenziert.

Besteht die Möglichkeit, dass sich durch die Erwärmung des Klimas eher neue Arten von Pilzen bei uns entdecken lassen?
Entdecken kann nur der Suchende! Und so findet man halt noch bislang weltweit unentdeckte, neue Arten weil intensiver gesucht wird. Aber es wandern auch neue Arten aufgrund der Klimaveränderungen in unsere subatlantisch geprägte Region ein. Solche Prozesse zu beobachten bleibt eine spannende Aufgabe, auch für interessierte Mitglieder unseres naturforschenden Pilzvereins.

Es gibt auch den gegenteiligen Trend. Der Artenverlust macht auch bei den Pilzen nicht Halt. Der Lilastielige Rötelritterling (Lepista personata) ist durch die intensive Weide- und Wiesennutzung fast ausgestorben und auch mit viele Champignonarten geht es bergab. Meist ist hier der Mensch die Ursache.

Wie lebenswichtig sind Pilze für uns?
Sie sind absolut lebenswichtig. Nur ist diese Tatsache noch nicht allen Menschen in diesem Umfang bekannt. Allein die Pilze in unserem Körper („gute“ und gesundheitsgefährdende) sind von großer Bedeutung für die Stoff- und Energiewechselvorgänge. Da gibt es mit Sicherheit noch Forschungsbedarf. Bier, Wein, Sekt, aber auch Brot und Brötchen - ohne Hefepilze gäbe es diese wunderbaren Leckereien nicht. Und letztendlich im Naturkreislauf gehören die Pilze zu den kostenlosen Recyclern von „Laub und Leiche“, helfen bei der Aufbereitung von Rohböden und in meinem Garten produzieren sie für mich duftenden Kompost.

Wie lässt sich die Arbeit des Pilzvereins vor Ort unterstützen?
Da wir ein ehrenamtlicher Verein sind, leben wir von Mitgliedsbeiträgen und Sponsoren. Lokale Sponsoren aus Rehna und Gadebusch stehen uns schon seit vielen Jahren treu zu Seite, dafür sind wir sehr dankbar. Und ohne die Schüler der Regionalschule Rehna und einige engagierte Eltern und Lehrer wäre unser Verein auch nicht da, wo wir heute stehen. Eine besondere Form der Unterstützung findet alljährlich zu den Tagen der Pilze statt. Mitglieder, Förderer und an Pilzen interessierte Bürger stellen uns ihre Pilzfunde für die Ausstellung zur Verfügung. Nur so kommt immer wieder eine wunderbare Pilzschau im Rehnaer Kreuzgang zu Stande.

Wird es in 2016 wieder die „Tage der Pilze“ geben?
Wenn nicht die totale Trockenheit über uns hereinbricht, eindeutig ja. Aber danach wird es eng, da wir momentan über keine Möglichkeit mehr verfügen, unsere hölzernen Ausstellungsutensilien zu lagern bzw. unterzubringen. Das Problem müssen wir 2016 möglichst kostenneutral lösen.

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