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Nostalgieseefahrt im Wismarer Hafen : Dampfende Raritäten auf der Ostsee

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Es gibt sie noch, die echten maritim-technischen Denkmale unter Dampf. Vier von ihnen haben den Hafen der Hansestadt Wismar besucht. Die Nostalgieseefahrt ist so lebendig wie zu Zeiten historischer Dampfschiffe.

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erstellt am 05.Okt.2012 | 05:37 Uhr

Wismar | Es gibt sie noch, die echten maritim-technischen Denkmale unter Dampf. Inzwischen haben vier von ihnen und manche bereits mehrmals, den Hafen der Hansestadt Wismar besucht. Zudem reizten die rauchenden Schornsteine hunderte von Besuchern zu Mitfahrten. Denn diese Nostalgieseefahrt, so lebendig wie zu Zeiten historischer Steamer (Dampfschiffe), hat längst Seltenheitswert erlangt.

Der legendäre Eisbrecher "Stettin" gilt als wuchtiges und durchaus noch zu Einsätzen fähiges Ungetüm aus dem Jahr 1933. Immerhin werden die bis zu 24 Millimeter starken Stahlrumpfplatten des 52 Meter langen und 13,4 Meter breiten Museumsschiffes von 99 000 Nieten zusammengehalten. Seit fast 80 Jahren gilt der Slogan: ohne Dampf keine Leistung. In dem Fall wollen die Kolben der Maschine ordentlich bewegt werden, damit sich die 2200 PS richtig entfalten können. So gilt das besondere Besucherinteresse dem Maschinenraum mit dem dazugehörigen Dampfkesselbereich. Dort sind Hitze und Lärm ständige Wegbegleiter des technischen Personals und der Heizer. Die müssen wie einst, im Schweiße ihres Angesichts, richtig ranklotzen, allerdings freiwillig, um die drei Feuerstellen stetig mit Kohle zu beschicken.

Stilvoll reisen, fast wie zu Kaisers Zeiten, lässt es sich auf dem Seitenraddampfer "Freya", der der auf Westerland/Sylt beheimateten Reederei Adler Schiffe zugehörig ist. Inzwischen ließ die betagte Lady schon mehrmals im Wismarer Alten Hafen ihre gellende Dampfsirene ertönen. Anschließend erlebten hunderte von Gästen, wie sich das 52 Meter lange Fahrgastschiff mit den Panoramafenstern durch die Wismarbucht schaufelt. Viel edles Holz, Chrom und Messing sorgen noch immer dafür, dass der besondere Stil des nostalgischen Ausflugsdampfers aus dem Jahre 1905 beibehalten wird. Gut 200 Gäste finden bequem Platz auf zwei Decks und einem kleinen Außenbereich und können sich dort aufs Feinste bewirten lassen. Kohlen schaufeln ist allerdings Geschichte. Befeuert wird der Kessel mit Leichtöl. Zwei mit Dampf gespeiste Kolben sorgen mit einer Leistung von 140 PS dafür, dass sich die beiden Schaufelräder gemächlich drehen. Zusätzlich befindet sich noch ein per Dieselmotor betriebener Propeller am Heck des Schiffes. Er ist dennoch der einzige, noch an der deutschen Küste betriebene Seitenraddampfer.

Ein weiteres, echtes Arbeitsschiff unter Dampf ist der ehemalige Dampf-Tonnenleger "Bussard". Er ließ seinen Schornstein erstmals in diesem Sommer in Wismar rauchen. Mit 107 Jahren unter dem Kiel, davon 73 Jahre im aktiven Dienst und seit 2006 dank zahlreicher Freunden und Förderern wieder in Fahrt, wird eine Reise mit diesem maritim-technischen Denkmal ebenfalls unvergesslich. Schweiß- und rußverklebte Gesichter erinnern unter Deck ebenfalls an die frühere, strapazenreiche Seefahrt. Doch ohne sie dreht sich auf dem gut 40 Meter langen und 8,1 Meter breiten Dampfer nichts. Soll sich der 540 PS starke Schiffsantrieb bei voller Drehzahl bewegen, müssen pro Stunde Fahrt etwa eine halbe Tonne Kohle wortwörtlich verheizt werden.

Gebaut wurde das Schiff im Jahre 1905 auf der inzwischen durch Kreuzfahrer bekannten Meyer-Werft in Papenburg. Von den 235 Vereinsmitgliedern sorgen etwa 40 Aktive in ihrer Freizeit dafür, dass sich die "Bussard" stets gut in Fahrt und auch sonst im technisch einwandfreien Zustand befindet. Das weniger komfortable Leben an Bord sorgt für besonders ausgeprägten Teamgeist und Kameradschaft.

Als kleinstes Fahrzeug unter Dampf gab anlässlich des Wismarer Hafenjubiläums im Vorjahr der 20 Meter lange und 5,10 Meter breite Dampfschlepper "Woltman" aus Hamburg sein Debüt. Gebaut wurde er 1904 auf der Werft der Gebrüder Sachenberg in Roßlau an der Elbe. Dass er mit seinen 240 PS noch heute über ausreichend Kraft verfügt, stellte er gleich bei seiner großen Schwester "Stettin" beim unterstützenden Ablegen unter Beweis. Bis zu 25 Gäste können an Bord miterleben, wie es auf einem solchen Schlepper heute noch zugeht.

Einst verholte er leere und gefüllte Baggerschuten auf der Unterelbe im Auftrage der Schifffahrts- und Hafen-Deputation Hamburg. 1976 wechselte das historische Fahrzeug in die Niederlande. Im April 1984 kaufte der Museumshafen Kappeln den Schlepper. Doch es dauerte noch bis Anfang 1994, um nach aufwändiger Reparatur die komplette Fahrtüchtigkeit wieder herzustellen. 1994 übernahm der neu gegründete Förderverein "Schleppdampfer Woltman" das betagte Fahrzeug. Ziel der Traditionspfleger war und ist es, den technischen Originalzustand wieder herzustellen und den Dampfschlepper bei Fahrten der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Damit ist DS "Woltman" eines der wenigen seegängigen Schiffe mit Dampfantrieb und einem kohlebefeuerten Kessel, die in Deutschland noch erhalten geblieben sind.

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