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Vernachlässigte Kinder in Wismar : Chance auf ein neues Leben

vom
Aus der Redaktion der Gadebusch-Rehnaer Zeitung

Familiäre Außenstelle kümmert sich um vernachlässigte Kinder. Kevin und Gina freuen sich über den Tagesablauf mit Liebe

svz.de von
erstellt am 18.Jan.2017 | 11:45 Uhr

„Ich habe immer nur Salzstangen zu essen bekommen und sollte meinem kleinen Bruder die Flasche geben, aber ich hatte ja selbst solchen Hunger und Durst“, erzählt Gina von ihren Erinnerungen. Erinnerungen an ihr erstes Leben. Ihrem Leben bei den leiblichen Eltern in Wismar. Sie war damals vier Jahre alt, der Bruder zwei. Kevin sollte in den Kindergarten und fiel dort am ersten Tag auf. Er saß nur auf den Fußboden und schaukelte immer vor und zurück – dieses Anzeichen von „Hospitalismus“ ist ein deutliches Zeichen von Vernachlässigung.

Im Sommer 2008 begann mit Veronika Labahn das zweite Leben der beiden Geschwister. Die gelernte Heimerzieherin ist eine „familiäre Außenstelle“ der „Felicitas gemeinnützige GmbH“ in Wismar. 2008 wollte sie sich nach zehn aufreibenden Jahren als Leiterin eines Bauernhofes für strafgefährdete und straffällige Jugendliche auf Rügen verändern. Die Kinder waren die Chance, für beide Seiten. „Wir haben uns angeguckt und gemocht“, erzählt Veronika Labahn. Und klärt auf: Sie ist keine Pflegemutter. Kinder aus solch schwierigen Verhältnissen kommen oftmals in solch eine Außenstelle mit pädagogischen Hintergrund als besondere Form der „Heimerziehung“.

Kevin und Gina juckt die Unterscheidung nicht. Sie begrüßen ihre „Vroni“ mit einem Küsschen, erzählen von der Schule. „Mama“ sagen sie nicht. Sie wissen, wer ihre Eltern sind, sehen den Vater einmal im Monat. Die Mutter kam gerade aus Dänemark zu einer Theateraufführung mit ihren Kindern.

„Wir haben uns gegenseitig adoptiert“, lacht Veronika Labahn. Ein Leben ohne „ihre“ beiden Kinder könne sie sich nicht mehr vorstellen. „Sie gehören einfach dazu“, beschreibt sie auch das Verhältnis der eigenen, längst erwachsenen Kinder zu Kevin und Gina. Die erste Zeit im gemeinsamen Haus – Veronika Labahn war extra nach Wismar gezogen – war nicht einfach. Beide Kinder hatten und haben Entwicklungsverzögerungen. „Als ich Kevin kennen gelernt habe, hat er gerade mit über zwei Jahren laufen gelernt, er hat noch nicht gesprochen und kannte keine feste Nahrung.“ Kevin ist im autistischen Bereich. Ob er je ohne fremde Hilfe leben kann, ist offen. „Gina hatte immer Hunger“, erzählt Veronika Labahn weiter. Irgendwann hat das sympathische Mädchen gemerkt, dass sie hier genug zu essen bekommt. Immer. Rituale halfen: „Ich habe ihr den vollen Kühlschrank gezeigt bevor sie zur Kita los ist und ihr versprochen, dass all das noch hier ist, wenn sie wieder kommt“, erzählt Veronika Labahn.

Mittlerweile ist Gina 13, Kevin ist elf Jahre alt. Gina hat immer mal wieder Phasen, wo sie fragt, warum gerade ihr so etwas passieren musste. Warum gerade ihr Leben so verlaufen ist. Auch hier hilft die Gemeinschaft. „Wir machen viel zusammen in der Freizeit, spielen Theater in der Theatergruppe von Felicitas. Kevin kann sich so wahnsinnig schnell Texte merken, auch die der anderen!“, freut Veronika Labahn sich über die Entwicklung ihrer Schützlinge. Kevin freut sich auf die neue Feuerwehr am Kagenmarkt – er will zur Jugendfeuerwehr. Gina war gerade beim Sichtungsschwimmen der DLRG. Gemeinsam gehen sie mit ihrer „Vroni“ gerne in die Bibliothek, in den Wald oder an den Strand. Und die Kinder packen mit an im Haushalt.

„Mit jedem Geburtstag bekommen die Kinder eine Freiheit mehr, aber auch eine Aufgabe dazu“, verrät Veronika Labahn. Treppe fegen, den Geschirrspüler ausräumen, einen Samstag im Monat kocht Gina – die Kinder sollen und müssen selbständig werden. Denn wenn Kevin 18 Jahre alt wird, geht ihre „Vroni“ in Rente.

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