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Gadebusch-Rehnaer Zeitung

18. November 2017 | 00:16 Uhr

Dechow : Bitterböses Tatstenkabarett

vom
Aus der Redaktion der Gadebusch-Rehnaer Zeitung

Axel Pätz „vertont“ die Fibel und verzückt sein Publikum

Weitgereiste Gäste aus Hamburg oder Stralsund und natürlich die „Kenner“ aus der Nachbarschaft zwischen Schwerin, Ratzeburg und Lübeck waren der Einladung Irmgard von Puttkamers in hellen Scharen gefolgt, „die Abgründe des Lebens“ gemeinsam zu ergründen. Und zwar gemeinsam mit Axel Pätz, der sein auch für die Kulturtage Dechow zweites Solo-Programm „Das Niveau singt“ betitelte.

Weil sein Tastenkabarett hier bereits im Vorjahr richtig gut angekommen war, fühlte sich der Hamburger im liebevoll mit echten Kerzenleuchtern und frischen Blüten ausgestalteten Ambiente der Dorfbühne gleich wie zuhause. Was ihn aber nicht daran hinderte, in gewohnt bösartigem Witz über Fremdsprach- bzw. Geschichts-Kenntnisse vieler Zeitgenossen herzufallen.

So schrieben – seinen Recherchen nach – heutzutage 60 Prozent aller Jugendlichen beispielsweise „Pisa“ mit „zz“, Fernsehzuschauer deuteten die Werbetextzeile „where money lives“ als „wo Manny wohnt“ oder schlimmer noch den Slogan „powered by emotion“ mit „Kraft durch Freude“.

Ebenso bissig und gekonnt makaber besang Axel Pätz die „wirklich wichtigen Themen der Zeit“ wie Umwelt- und Klimaschutz etwa am Beispiel eines arglos verzehrten Krabbenbrötchens auf einem Urlaubsflug mit „Emirates“ oder seiner imaginären Odyssee zur ganz alltäglichen Müllentsorgung. Auch die allgegenwärtigen Mobilphone-Apps, Sozialen Netzwerke und Casting Shows bekamen ihr satirisches Fett weg, ähnlich treffsicher und messerscharf wie Diktaturen im Allgemeinen und Speziellen.

Dabei traktierte der Vollblut-Kabarettist nicht nur virtuos die Tasten von Akkordeon und Konzertflügel, sondern mit hintersinnigen Wortspielen auch zunächst die Grauen Zellen und gleich darauf die Lachmuskeln seines Publikums. Mit erstaunlicher Variabilität und Ausdruckskraft von Stimme, Mimik, Gestik und Rhythmus nahm Axel Pätz sein Dechower Publikum regelrecht „gefangen“ in der Laune, rücksichtslos alles aus dem „Wahnsinn des Alltags“ kritisch zu hinterfragen: seien es „RTL-fen“, „Pro 7-Zwerge“, ein Friseurbesuch der kleinen Lilly, die mit sich selbst beschäftigte Musik-Branche zwischen Heino und Rammstein oder der (per)vertikutierende Aufsitzrasenmäher als männliches Statussymbol.

Wer allerdings glaubte, den „Output auf Top(p)niveau“ in seinem Loblied „Unser Kind ist hochbegabt“ könne Axel Pätz heute Abend nicht mehr überbieten, hatte nicht mit der Rückkopplung der Energie geladenen Atmosphäre auf den Künstler gerechnet, der sich auf seiner Bühne so gar nicht alleingelassen fühlte. Das eingangs schon als „das beste Publikum der Welt“ geschmeichelte Auditorium habe ihn zum Wagnis einer „spontanen Uraufführung“ inspiriert, meinte der Tastenkabarettist und kramte aus seinem literarischen Fundus ein Werk, das sehr, sehr Vielen als „Buch der Bücher“ erscheint, zumindest eine Zeit lang.

Nein, meinte Axel Pätz, die Bibel habe schon ein anderer mit ganz großem Orchester auf die Bühne gebracht. „Ich vertone mal die Fibel.“ Gesagt, getan und schon nach „Tina“ mit „Tü“ und „Nina“ mit „Nö“ war der Dechower Saal nicht mehr zu halten. Bereitwillig sangen alle den komödiantischen Nonsens mit und ließen sich von der „Kraft der Sprache“ und „wahrhaft wagnerianischer Dramatik“ der Bühnenshow hinreißen … selbst zum „instinktiv großen R“ beim „Roboter“.

Tobender Beifallssturm trug den Ausnahmekünstler, der gerne wiederzukommen versprach, nach zweieinhalb Stunden schließlich in die Nacht. Die Kulturtage Dechow (siehe auch www.dorf-dechow.de) pausieren derweil bis in den Herbst.








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