Lesung : Autorin erinnert an die Todesschüsse vom Goldensee

Autorin Sandra Pingel-Schliemann  und Anne Drescher (r.)  bei der Lesung.
Autorin Sandra Pingel-Schliemann und Anne Drescher (r.) bei der Lesung.

Sandra Pingel-Schliemann las in Schlagsdorf aus ihrem Buch vor

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25. Februar 2014, 00:00 Uhr

Hary Atno Krause war im September zuvor zehn Jahre alt geworden, als er im Januar 1951 zum Goldensee bei Groß Thurow lief. Der See war zugefroren, Hary wollte mit Freunden Schlittschuh laufen, wie schon häufiger in jenem Winter, der sein letzter sein sollte. Ein junger Polizist hatte an diesem Tag seinen ersten Grenz-Dienst. Es wurde der Tag, an dem er ein Kind erschoss, das sich eislaufend zu weit Richtung Westen gewagt hatte. Vergeblich versuchte man dort, den Jungen am Leben zu halten. Mit dem Schlitten holte der Vater seinen in eine Decke gehüllten toten Sohn zwei Tage später über den noch immer gefrorenen See nach Hause.

Eines von vielen im Buch dokumentieren Schicksalen aus einem der dunkelsten Kapitel deutsch-deutscher Geschichte: Republikflüchtlinge, Grenztote im 231 Kilometer langen Grenz-Abschnitt zwischen Pötenitz an der Ostsee und Lütkenwisch an der Elbe, ertrunken, erfroren, erschossen, hingerichtet, weil sie das Land verlassen wollten. Was ihnen gemäß einer auch von der DDR unterzeichneten UNO-Konvention zustand. Schicksale, die verschwiegen und vertuscht wurden, verleugnet, um keinen Widerstand zu wecken.

Die Abteilung IX des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) in Schwerin hatte die alleinige Verfügungsgewalt über festgenommene und tote Flüchtlinge. „Oft konnten sich die Familien nicht einmal von den Toten verabschieden, wurden bei Strafandrohung zum Schweigen über die Hintergründe gezwungen, vom MfS kontrolliert. Ich wollte den Opfern und ihren Familien mit meinem Buch einen Namen, ein Gesicht geben.“ Auf Hary Atno Krause stieß Autorin Sandra Pingel-Schliemann bei ihren Recherchen, für die sie im Militärarchiv, im SED-Archiv und im Archiv der Stasi-Unterlagen Behörde über 100 000 Seiten Geschichte sichtete.

Seit Jahren forscht die Politikwissenschaftlerin zum Thema DDR, hat Bücher und Abhandlungen zum Thema geschrieben. „Ich fühlte mich so unwissend und wollte das Land verstehen, in dem ich aufgewachsen bin“, sagt die 40-Jährige, bis 2011 unter anderem Dozentin an der Universität Rostock. „Ich wollte wissen, wie es war, in Sicht- und Hörweite der Grenze zu leben, mit all den Einschränkungen und dem Wissen, das nicht weitergegeben werden durfte. Wissen, was Menschen auf sich nahmen, die ihr UNO-verbrieftes Recht auf Reisefreiheit in die Tat umsetzen wollten.“ Wie, so habe sie sich gefragt, sei es möglich gewesen, dass so viele Fluchtbereite schon vor Erreichen der Grenzanlagen abgefangen werden konnten. Selten wussten sie, was sie an der Grenze wirklich erwartete, trugen oft wenig mehr als Zange und Butterbrot bei sich.

Die Zuhörer im Ausstellungsraum des Grenzhus erfuhren Einzelheiten des ausgeklügelten Systems entlang des Grenzstreifens. Jeder wurde kontrolliert, auch die ohnehin schon streng auf politische Zuverlässigkeit hin selektierten Mitarbeiter der Grenzsicherungs-Organe. Auf 80 Grenzer kamen acht Inoffizielle Mitarbeiter. „Was mich vor allem erschüttert hat, war die unglaubliche Zahl freiwilliger Denunzianten und Helfer entlang des Grenzstreifens, ohne die das alles nicht möglich gewesen wäre“, so die Autorin, die ihr Buch innerhalb von einem Jahr fertigstellte. Arbeit rund um die Uhr, denn „diese Schicksale lassen einen nicht los. Wenn abends das Licht ausgeht, bleiben sie im Kopf.“ Unterstützt wurde sie dabei unter anderem von Anne Drescher, Landesbeauftragte für Stasi-Unterlagen in Mecklenburg-Vorpommern, die auch Herausgeberin des neuen Buches ist.

Wie viele Grenztote es genau waren, ist bis heute nicht sicher. Im Laufe der Nachforschung stieß Pingel-Schliemann immer wieder auf unbekannte Schicksale. Wie das von Hary. Nur von dessen Freunden hatten die Eltern die Wahrheit erfahren über das, was auf dem See passiert war. Um das Ereignis vertuschen zu können, bot man der Familie Schweigegeld. Als sie ablehnte, erfolgte die Zwangsumsiedlung. Nicht einmal das Grab in Roggendorf durften die Eltern pflegen.

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