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Gadebusch-Rehnaer Zeitung

20. November 2017 | 09:02 Uhr

Gadebusch : Aufschrei nach Schweigeminute

vom

Die TSG Gadebusch muss sich gegen den Vorwurf wehren, es mit dem Kampf gegen Rechts nicht ernst genug zu nehmen. Bei einem Spiel in Gadebusch wurde für einen bekannten Neonazi eine Schweigeminute eingelegt.

svz.de von
erstellt am 03.Jul.2013 | 10:31 Uhr

Gadebusch | Ein Fußballspiel mit schalem Beigeschmack: Die TSG Gadebusch muss sich gegen den Vorwurf wehren, es mit dem Kampf gegen Rechts nicht ernst genug zu nehmen.

Was war passiert? Am Sonntag trafen die Fußballmannschaften der TSG und Dynamo Schwerin aufeinander. Die Kicker aus der Landeshauptstadt gingen als Sieger vom Platz, doch das Ergebnis rückt zunehmend in den Hintergrund. Denn die Schweigeminute für den Dynamo-Fan René Riedel sorgt für Ärger. Riedel war nicht irgendein Fan, sondern nach SVZ-Recherchen ein bekannter Neonazi der Region mit Kontakten in die kriminelle Rockerszene. Der 39-Jährige starb Anfang des Jahres an Krebs.

Riedel ist in der Vergangenheit mehrfach verurteilt worden. Am 1. März vergangenen Jahres kam er aus dem Gefängnis, nachdem er gerade eine Strafe wegen schwerer Körperverletzung abgesessen hatte. Wenige Tage danach wurde er erneut straffällig und wegen Nötigung zu einer Geldstrafe verurteilt.

Die Fans von Dynamo wollten nun ihres verstorbenen Kumpels gedenken. "Unsere Mannschaft lief mit einem Porträt von ihm auf", erklärt der Verein auf seiner Internetseite. Die Anhängerschaft initiierte im Stadion zudem vor dem Anpfiff eine Schweigeminute. Davon sei man in Gadebusch überrascht worden, heißt es von der TSG. "Definitiv niemand" hätte davon gewusst, sagt der kommissarische Vereinschef Rolf Lemcke. Aus Vereinskreisen war zu erfahren, dass die Spieler der TSG erst einige Minuten vor dem Anpfiff von der Aktion erfahren haben. Aus Angst, dass die teils betrunkenen Fans von Dynamo randalieren, hätte man sich dann entschlossen, an der Schweigeminute teilzunehmen. "Das hat sich verselbstständigt", sagt Lemcke.

Der Vorfall in Gadebusch wirft ein Schlaglicht auf das Thema Rechtsextremismus im Fußball. "Rechtsextreme versuchen, durch aktive Beteiligung Vereine von innen auszuhöhlen und vor allem die jungen Mitglieder mit rechtem Gedankengut zu infiltrieren", erklärt der Landessportbund. Mit der Mobilen Beratungsstelle (MoBiS) versucht man dagegenzuhalten. Judith Keller von den Linken im Kreistag wirft dem Verein vor, nicht konsequent genug gegen die Anhängerschaft von Dynamo vorgegangen zu sein. "Die TSG hat Hausrecht", sagt Keller. Sie hätte die Schweigeminute gar nicht erst mitmachen dürfen und in jedem Fall abbrechen müssen. Keller ist Vorsitzende des Jugendhilfeausschusses des Kreistages. Der hat sich gestern Abend gleich mit dem Thema beschäftigt. Da der Verein Geld vom Landkreis bekomme, werde darüber in dem Ausschuss diskutiert. Doch Kellers Kritik geht noch weiter. Ende August findet in Gadebusch zum ersten Mal das Fest der Vielfalt statt. Es geht um Toleranz und Weltoffenheit. Seit Anfang des Jahres werde die Veranstaltung geplant, zwei Treffen hätten schon stattgefunden. "Die TSG hat sich noch nicht gemeldet", so Keller.

Die Fans von Dynamo Schwerin sind berühmt berüchtigt. "Bei Heim- als auch bei Auswärtsspielen ist das Verhalten durch ein lautstarkes Auftreten und einen verstärkten Alkoholkonsum gekennzeichnet", heißt es von der Polizei in Schwerin. Zudem sei die Anhängerschaft sehr reisefreudig und bei Auswärtsspielen sind daher oft viele Fans dabei. "Durch den starken Alkoholkonsum vereinzelter Anhänger kommt es auch gelegentlich zu Störaktionen." So musste im August 2011 ein Spiel gegen die SG Roggendorf kurz vor Schluss abgebrochen werden. Nachdem der Torwart der Schweriner eine Rote Karte kassiert hatte, stürmten Anhänger von Dynamo das Spielfeld. Sie wurden von den eigenen Spielern zu Boden gerissen, damit sie sich dem Unparteiischen nicht nähern konnten. Der brach die Partie in der 92. Minute ab, weil er sich bedroht fühlte. Daraufhin kippte die Stimmung im Roggendorfer Schlosspark endgültig. Auf dem Weg in die Kabinen konnten die Ordner ein erneutes Übergreifen der Schweriner Anhänger auf die Schiedsrichter aber nicht verhindern. Einer von ihnen wurde am Kopf geschlagen, aber nicht verletzt.

Die Tochter von Riedel spielte bis vor kurzem als Nachwuchs-Kickerin aus der Region. Um sie nach dem Tod ihres Vaters finanziell zu unterstützen, schlug Dynamo Schwerin vor, Geld zu sammeln. Die TSG erklärte sich bereit und schlug auf den regulären Eintrittspreis 50 Cent drauf. Mit den Spenden von Dynamo-Anhängern kamen insgesamt 1000 Euro zusammen. Damit, sagt TSG-Chef Lemcke, hätte man dem Mädchen helfen wollen. Obwohl die Vorgeschichte von Riedel bekannt gewesen sei, entschloss man sich in Gadebusch, mit Dynamo zu kooperieren.

Dafür muss die TSG heftige Kritik einstecken. Judith Keller wirft dem Verein vor, die vermeintlich gute Idee nicht durchdacht zu haben. Der Wunsch, der Tochter helfen zu wollen, rechtfertige nicht, dass die TSG sich von Dynamo habe einspannen lassen - eben weil bekannt war, wer der Vater gewesen ist. "Wann gibt es ein Benefizspiel für die Opfer von René Riedel?", fragt Judith Keller. Lemcke räumt ein, das vielleicht zu naiv betrachtet zu haben. "Aber wir distanzieren uns von Rechts." Dynamo war gestern für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

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