Wendezeit : Aufbruch in Gadebusch

Die Zeitung „Guten Tag“ vom Neuen Forum ist für Rudolf Pieper eine Erinnerung an die Wendezeit.
Die Zeitung „Guten Tag“ vom Neuen Forum ist für Rudolf Pieper eine Erinnerung an die Wendezeit.

Rudolf Pieper spricht über den Herbst 1989

von
11. November 2014, 23:09 Uhr

Demokrati-
sierung der DDR – das war das große Ziel, das die Menschen im Herbst 1989 verfolgten. Unter ihnen war der Gadebuscher Rudolf Pieper. „Ich war nicht von der ersten Stunde an dabei. Besonders aktiv waren Menschen wie Ulrich Rudolf und Regine Marquardt, die die Veranstaltungen, den Protest mit organisierten“, sagt Pieper. Ab Ende Oktober mischt auch er sich mit ein.

Was er im Herbst 1989 nicht ahnte: Die Bürger der Stadt Gadebusch sprechen ihm im Mai 1990 das Vertrauen aus, Pieper wird der erste frei gewählte Bürgermeister der Stadt Gadebusch. Pieper, der nach einer Schulumstrukturierung 1983/84 nicht in seinem Bereich übernommen wurde, gibt den Lehrerjob auf und erlernt den Beruf des Drechslers. Die Wende bringt für ihn neue Herausforderungen.

Dass der Herbst 1989 solch eine Dynamik entwickelt habe, lag seiner Meinung nach insbesondere daran, dass die Kirchen ihre Freiräume unter den Dächern der Gotteshäuser nutzten, das Neue Forum unterstützten, um mit den Menschen offen, ohne Zensur und Vorgaben über die alltäglichen Probleme zu sprechen. „Ende Oktober ’89 war ich bei der Kirchenveranstaltung in Rehna erstmals dabei. 1500 Menschen waren anwesend. Da habe er dann das Wort ergriffen. „Reisefreiheit und der kleine Grenzverkehr sprach ich an, das waren die Themen, die die Menschen emotional bewegten. Sie applaudierten. Das war kein Wunder, denn viele ältere Bürger erinnerten sich noch an die Zeit, als die Grenze offen war.“ Es gab Kontakte zu den Nachbarn und Sportgruppen im Nachbarland. Der 13. August 1961 veränderte alles.

Im Wendeherbst musste die SED die Segel streichen. Pressefreiheit und die Anschaffung des SED-Monopols waren wesentliche Forderungen auf den Straßen von Gadebusch. Mitglieder des Neuen Forums, engagierte Bürger, Menschen die Veränderungen wünschten, fanden sich am Runden Tisch wieder. „Am 22. November 1989 gab es im Schlosskeller Gadebusch eine Gesprächsrunde mit Vertretern der Staatssicherheit. Ulrich Rudolf und Regine Marquardt gehören zum Gesprächskreis. Zu diesem Zeitpunkt waren die Kräfteverhältnisse geklärt. Unsere Forderungen waren die Offenlegung des Ministeriums für Staatssicherheit und die Kontrolle der örtlichen Gebäude, das MfS stand vor seiner Auflösung. Die Aktensammlungen sollten zentral gelagert werden“, so Rudolf.

Als eine wichtige Errungenschaft der Wendezeit gilt für ihn die Zeitung „Guten Tag“ der Regionalvereinigung Neues Forum Gadebusch unter Regie von Ulrich Rudolph. Sie enthält eine Chronik des Wendeherbstes, Ideen und zahlreiche Gedanken, wie sich Zukunft gestalten lässt. Vier Ausgaben erschienen.

Heute gibt sich Pieper zufrieden mit der Gesamtentwicklung, dass damals die Demokratisierung mit angeschoben wurde. Wenn er heute gefragt wird, ob all das, was sich die Menschen im Herbst 1989 erträumten Wirklichkeit wurde, antwortet er mit „Nein“. Nicht alles habe funktioniert: „Arbeitslosigkeit und der Niedergang der Betriebe wie Großbäckerei und Nudelfabrik waren schwierig für Gadebusch“, erinnert sich Pieper. „In der Bilanz können wir sagen, dass die Entwicklung in Richtung Demokratie ging. Aber die Demokratie, sie ist nicht vollkommen.“


zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen