Kriegsflüchtlinge in Meetzen : Auf der Suche nach der Zukunft

Liliana Ikramova von der DRK Migrationsberatung (l.) unterstützt mit Hamed Saleh (Vater, drei Kinder, Beruf Handelskaufmann), Mohamad (verh. zwei Kinder, Friseur) und Hasan (v.l.n.r.) die Erstaufnahme. Rico Kröplien vom Katastrophenschutz freut sich über die Gesprächsrunde.  Fotos: volkjer Bohlmann
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Liliana Ikramova von der DRK Migrationsberatung (l.) unterstützt mit Hamed Saleh (Vater, drei Kinder, Beruf Handelskaufmann), Mohamad (verh. zwei Kinder, Friseur) und Hasan (v.l.n.r.) die Erstaufnahme. Rico Kröplien vom Katastrophenschutz freut sich über die Gesprächsrunde. Fotos: volkjer Bohlmann

Zweiter Bus mit Flüchtlingen in München nicht abgefahren, Landkreis verärgert über fehlende Informationen

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08. September 2015, 23:38 Uhr

„Mir wurde geholfen, jetzt helfe ich anderen Menschen“, sagt Hasan. Er ist Bauingenieur, Vater eines Kindes, floh aus Damaskus und lebt in Schwerin. Als Kriegsflüchtling kam er vor acht Monaten nach MV. In der Nacht zu Dienstag unterstützte er mit seinen noch jungen Deutschkenntnissen die ehrenamtlichen Kräfte vom Roten Kreuz in Meetzen.

Name, Alter, Wohnort, Familienangehörige - wichtige Fakten gilt es bei der Registrierung in der provisorisch eingerichteten Erstanlaufstelle vor dem Meetzener Gutshaus aufzunehmen. Die kleine Zeltstadt auf dem Dorfplatz ist eine vorübergehende Einrichtung. „Wir gehen davon aus, dass wir innerhalb weniger Tage die Registrierung und ärztlichen Untersuchungen abgeschlossen haben“, sagt Landrätin Kerstin Weiss.

Den entscheidenden Beitrag leisten die zahlreichen ehrenamtlichen Helfer der Katastrophenschutzeinheiten des Landkreises. Es sind Frauen und Männer aus Gadebusch und Grevesmühlen, die nach ihrem täglichen Job mehr als zwölf Stunden im Einsatz sind. Am Ende kommen zwölf Flüchtlinge in Kleinbussen, der angekündigte Reisebus aus München bleibt aus.

Gegen 1.40 Uhr schließt Einsatzleiter Florian Haug die Erstaufnahme. Grund: Der über die Landesbehörden MV angekündigte Reisebus mit weiteren 60 Flüchtlingen kommt nicht, ist vermutlich nicht einmal in München abgefahren. „Das geht gar nicht“, sagt Landrätin Kerstin Weiss. Man sei mit 70 Einsatzkräften bestens vorbereitet gewesen. „Wir helfen wo wir können, aber ein derartiger schwerer Übermittlungsfehler zwischen Bayern und MV darf nicht passieren“, so die Landrätin. Vor Ort sind die ärztlichen Voruntersuchungen abgeschlossen: Keiner der Flüchtlinge hat schwerwiegende Krankheiten. Nach mehr als 14 Stunden verlassen die ehrenamtlichen Einsatzkräfte Meetzen.

Hasan bewundert die Helfer: „Die Menschen lachen, das tut so gut.“ Letzteres war nach dem Ausbruch des Bürgerkrieges in seinem Heimatland Syrien in 2011 kaum möglich. Er erzählt von Bomben in Damaskus, von seinem zerstörten Haus und wie er mit der Familie vor Krieg und Mord davon lief. „Wir hatten in Syrien eine Existenz, genug Aufträge als Bauingenieur sogar für Dubai“, erzählt er. Der Krieg habe die Aussicht auf eine Zukunft in Syrien zerstört. Wann endlich Frieden herrscht, vermag niemand zu sagen. Er habe dort viel verloren, aber sein einjähriges Kind solle eine Perspektive erhalten. All das hält er nach Erhalt seiner Arbeitserlaubnis als Bauingenieur mit Diplom, Sprachkenntnissen in Russisch, Arabisch und Deutsch in Schwerin für möglich. Hasan: „Ich wünsche mir nicht viel, nur ein Lächeln von den Menschen, damit wir zusammen eine Zukunft haben.“

Diese möchte die 13-jährige Anna Stövhase aus Meetzen mitgestalten. „Kann ich in irgendeiner Weise behilflich sein“, fragt die Schülerin Florian Haug, Leiter Brand - und Katastrophenschutz, der sie um Geduld bittet, bis die ärztlichen Untersuchungen der Flüchtlinge abgeschlossen sind: „Wenden Sie sich dann an die Betreiber des Hauses.“

Jene mussten Kritik seitens der Meetzener Bürger anhören. Gleichzeitig warb Christof Müller vom Verein Alte Schule um Verständnis für die Flüchtlinge. Dennoch fühlt sich ein Teil der Meetzener von der spontanen Aufnahme überfordert, sehen für sich die Gefahr, dass ihr Ort als Ersatzaufnahmeort zur Dauereinrichtung werden könnte: „Die wissen doch gar nicht, was noch unterwegs ist“, sagt Wolfgang Gottschalk. Eine Frau, die in direkter Nachbarschaft zum Gutshaus wohnt, sieht die Hilfsaktion als „nicht ertragbare psychische Belastung“, worauf Sozialarbeiter Roy Rietentiedt ihr umgehend persönliche Beratung anbietet. Rainer Joop betont in der Bürgerrunde, dass es normal sei, dass man sich Gedanken mache: „Es handelt sich nicht um Touristengruppen“ und kritisierte eine aus seiner Sicht fehlende rechtzeitige Befragung im Ort.

Landrätin Kerstin Weiss macht klar, dass es sich um eine für den Landkreis nicht vorhersehbare Hilfsaktion handelt: „Die Betreiber des Gutshauses sicherten uns in einem unverbindlichen Gespräch ihre Unterstützung zu. Diese haben wir am Sonntag in Anspruch genommen.“

Hilfskräfte des DRK, Ärzte und Landesbedienstete übernehmen nach Abzug des Katastrophenschutzes vor Ort die Untersuchungen. „Alle Flüchtlinge werden von hier aus in ihre Unterkünfte im Land weitergeleitet“, so eine Mitarbeiterin der Migrationsstelle des Landes MV. Läuft alles planmäßig dürfte die Hilfsaktion voraussichtlich in zehn bis 20 Tagen ihren Abschluss finden. Ob die Terminkette gehalten wird, darüber wollen der Landkreis und die Hausbetreiber am Donnerstagabend um 19 Uhr die Meetzener im Zelt am Gutshaus informieren.

Der erste Tag verlief hervorragend, so Christof Müller: „Das sind gute Leute. Die wollen anpacken.“ Ebenso brachten zahlreiche Bürger aus den Nachbarorten und sogar aus Rostock Kleidung vorbei. Wer unterstützen möchte, der sollte sich ans Team im Alten Gutshaus wenden.

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