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Gadebusch-Rehnaer Zeitung

24. November 2017 | 04:57 Uhr

Arno Esch - verhaftet und erschossen

vom

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erstellt am 21.Feb.2013 | 09:38 Uhr

Schönberg | Es ist die Geschichte eines Mannes, der im Nationalsozialismus aufgewachsen ist und 1951 in Moskau erschossen wurde: Arno Esch. Warum der am 6. Februar 1928 im ehemaligen ostpreußischen Memel geborene Esch hingerichtet wurde, verdeutlichte der Pastor a. D. Dietrich Voss während einer Gedenkveranstaltung im Schönberger Volkskundemuseum. Er bezeichnete Esch als engagierten und liberalen Politiker, der "bis zur letzten Faser seiner Existenz demokratisch gesinnt war." Ein junger Mann, der sich der Gerechtigkeit verpflichtet fühlte, der sich für die Freiheit der Persönlichkeit und der Sicherung der Menschenwürde einsetzte. Und der trotzdem sterben musste. Sterben, weil er im falschen Teil Deutschlands lebte, in dem all dies nicht zählte. In dem es keine Freiheit gab, in dem die Menschwürde nichts zählte. Und der schon gar nicht demokratisch war, sondern erneut eine Diktatur: die DDR.

1945 kam Esch, der im Krieg als Marinehelfer tätig war, zu seiner Mutter. Emma Esch hatte nach der Flucht aus Ostpreussen in Schönberg Unterschlupf gefunden. Ihr Sohn machte 1946 sein Abitur in Grevesmühlen und studierte anschließend Jura in Rostock. Esch trat erst der FDJ bei, kurze Zeit später der LDP, der Liberal Demokratischen Partei. Es folgte eine politische Karriere. Bereits als 20-Jähriger war Esch im Zentralvorstand der LPD. Ein Jahr später arbeitete er mit am Parteiprogramm.

Am 18. Oktober 1949 war der steile Aufstieg Arno Eschs vorbei. Wie viele andere Studenten, die Mitglied der LPD waren, wurde er verhaftet. "Ihm wurde Anti-Sowjethetze, Spionage und die Bildung einer konterrevolutionären Organisation vorgeworfen", sagt Dietrich Voss. Knapp neun Monate später wurde Arno Esch von einem sowjetischen Militärtribunal zum Tode verurteilt. Zusammen mit drei weiteren Studenten kam er nach Moskau. Hier wurden drei der vier Schweriner Todesurteile bestätigt. Auch das von Arno Esch, der im Juli 1951 erschossen wurde.

Seine Mutter Emma wusste jahrelang nicht, wo ihr Sohn war. Von offizieller Stelle, sagt Voss in seinem Vortrag, habe Arno Eschs Mutter nie erfahren, dass ihr Sohn von sowjetischen Behörden verhaftet worden sei. "Sie hat auch nie erfahren, dass er nach Moskau gebracht und dort erschossen wurde." Was sie wusste, sei, dass er zum Tode verurteilt worden war und auch, dass er wohl Tod sei. Das hätten Unterlagen des Suchdienstes des Hamburger Roten Kreuzes belegt - allerdings zehn Jahre nach der Hinrichtung - 1961.

Endgültig Gewissheit über den Tod Arno Eschs brachte erst die Todesbescheinigung. Sie wurde 1998 ausgestellt - also 47 Jahre nach der Erschießung.

Mittlerweile ist Arno Esch rehabilitiert. Sein Todesurteil wurde 1990 auf Initiative von Friedrich Giese - einem Freund Eschs - aufgehoben. Für Emma Esch kam diese Nachricht zu spät. Sie starb 1985. 40 Jahre - bis zu ihrem Tod

- hat sie in Schönberg gelebt. Ihr ist es zu verdanken, dass es heute so viele Informationen über sie und ihren Sohn gibt. Denn Emma Esch wollte, dass die Kirchgemeinde über ihren Nachlass verfügt.

Als Dietrich Voss in den Ruhestand ging, fand er Zeit, um den Nachlass "gründlich" zu sichten. Er habe "staunend und erschrocken vernommen, was da zu lesen war", sagt Voss, der neugierig wurde und mehr über das Leben von Arno und Emma Esch wissen wollte. Der Pastor a. D. bewarb sich um einen Forschungsauftrag von der damaligen Birthler-Behörde. Mit Erfolg. So konnte er auch in Emma Eschs Stasiakten forschen. Sie sei der Spionage verdächtigt, deshalb festgenommen und auch verhört worden, sagt Voss. Die Ergebnisse reichten allerdings nicht aus, um sie zu verurteilen. Emma Esch kam frei. Doch frei leben konnte sie nicht, vermutet Voss. "Wenn jemand so in den Fesseln der Stasi gewesen ist, dann hat er wohl immer in Angst gelebt."

In einem der Briefe zwischen Emma und Arno Esch, den der Pastor a. D. vorlas, geht Arno Esch auf die Ängste seiner Mutter ein. Er versucht sie zu beruhigen: "Es wird auch die Sonne für uns wieder scheinen", schreibt der Sohn seiner Mutter. Ein Trugschluss, wie sich später herausstellte. Arno Esch musste mit dem Leben bezahlen, weil er sich in Zeiten der Unterdrückung für Freiheit und Demokratie einsetzte, weil er sich nicht scheute, seine Meinung zu äußern.

All dies und nicht zuletzt die Arbeit von Dietrich Voss lassen Arno Esch nicht in Vergessenheit geraten. Erst recht nicht in Schönberg, wo seine Mutter eine zweite Heimat fand. Schon vor Jahren haben die Stadtvertreter entschieden: Schönberg bekommt eine Arno-Esch-Straße. Eine richtige Entscheidung, sagt Dietrich Voss, der in der Arno-Esch-Straße wohnt. Esch wäre heute ein "sehr, sehr guter Europäer", ist sich der Pastor a.D. sicher. Denn er habe die Weltanschauung über die Nationalität gestellt.

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