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Gadebusch-Rehnaer Zeitung

20. November 2017 | 22:21 Uhr

Zeitreise : Amerika in Mecklenburg

vom
Aus der Redaktion der Gadebusch-Rehnaer Zeitung

Vor den Toren Gadebuschs erwachte eine Westernstadt zu neuem Leben

von
erstellt am 05.Okt.2014 | 23:21 Uhr

Wer sehnt sich nicht manchmal nach einer Auszeit vom Alltag? Während die Einen dazu die Welt bereisen, machen Andere eine Zeitreise ins historische Amerika, verzichten auf Handy, Computer und Komfort, schlüpfen in Kleidung, wie sie die Vorfahren auf der anderen Seite des Atlantiks trugen.

Lässig lehnt der Stadtmarshall in der Tür seines nach originalen Vorbildern selbstgebauten und eingerichteten Marshall Office. Über ihm hängt die amerikanische Flagge in der Windstille schlapp vom Fahnenmast. Er blickt über seine Stadt aus Zelten und Hütten. „Genau so sahen die Städte im Westen Amerikas anfangs aus“, erklärt der Marshall, der im bürgerlichen Leben Klaus Kasten heißt. „Niemand wusste, wie lange eine Stadt bestehen würde. Erst wenn sich herausstellte, dass es sich lohnte, wurden die Zelte nach und nach in Hütten verwandelt. Zusammen mit Mc Greedy, dem Trapper, Salooner Gypsy, der Waldland-Indianerin Zora, ihrem Mann Foxhunter und anderen bewohnt er in seiner Freizeit das Gelände der Gadebuscher Interessengemeinschaft Kulturgruppe für Indianistik und Westernhistorie.

Die aufgelassene Kiesgrube vor den Toren Gadebuschs ist ideal. Bis in die 1960er-Jahre wurde sie von der VEB Hochbau betrieben. Dann zogen die „Amerikaner“ ein. „Früher war alles kahl hier, der Hügel da drüben wurde extra aufgeschüttet“, erklärt Marshall Klaus Kasten. Inzwischen hat sich die Kieskuhle renaturiert und wird schützend von hohen Bäumen umstanden. Nicht immer ein Segen. Im Frühjahr fielen einige im Sturm und zerstörten eine Hütte.

Der nebenliegende „Saloon“, ein baufälliges Gebäude aus Kiesgruben-Zeiten, blieb unbeschädigt, ist zurzeit aber wegen Renovierung geschlossen. Das soziale Zentrum der kleinen Westerngemeinde soll im nächsten Jahr stilecht hergerichtet wieder eröffnet werden.

„Ein Wochenende hier ist wie ein Jahresurlaub. Alles fällt von einem ab.“ Salooner Gypsy alias Horst Hildebrandt, eben noch mit frischer „Schusswunde“ im „blutgetränkten“ weißen Großvaterhemd, steht lässig auf einen Stock gestützt im Ausgeh-Frack vor seinem Zelt. Wie die historischen Vorbilder ist es aus Holzstangen und Tuchbahnen gebaut. „Zwei Stunden brauchen wir dafür.“ Und für den Transport mindestens Kombi und Anhänger. Manche haben eine weite Anfahrt, kommen aus Wilhelmshaven, Plön oder Itzehoe.

Mit von der Partie ist Sohn Fabian. Der 17-Jährige kennt das Leben zwischen den Lagerfeuern von Trappern und Indianern seit 14 Jahren und ist einer der wenigen Jugendlichen in der Westernstadt. „Meinen Freunden ist das zu unbequem.“ Und zu kalt, denn die Saison beginnt bereits im Februar und reicht bis in den späten Herbst. Statt moderner Schlafsäcke sorgen dann Felle für ausreichend Wärme.

Gekocht wird auf Lagerfeuern und den Bolleröfen einiger Hütten. Wurst und Schinken hängen an Balken, werden bei Bedarf mit rustikalen Allzweckmessern abgesäbelt.

Schüsse fallen. „Viele von uns kommen über Schützenvereine zu diesem Hobby“, erklärt der Stadtmarshall auf Zeit. „Wir dürfen drei Stunden täglich auf Tierscheiben schießen.“ Die Kleingärtner des angrenzenden Vereins haben sich daran gewöhnt. „Wir kommen gut miteinander aus, sie haben ein Auge auf das Gelände, wenn keiner hier ist.“

Selbst jenseits offizieller Treffen verbringen viele Mitglieder der Interessengruppe hier Freizeit und Urlaub. Sabine und Jörg Brandenburger, im Camp als Zora und Foxhunter bekannt, haben sich hier kennen und lieben gelernt. „Wir habe nicht nur standesamtlich sondern auch nach dem Ritual der Waldland-Indianer geheiratet.“ Zora bekam Felle vom Jäger, er Feldfrüchte von seiner Frau. Die Waldland-Indianer hatten ein Matriarchat, waren sesshaft, betrieben Ackerbau und Viehzucht. Viele ihrer Gesetze waren Grundlage für die amerikanische Verfassung.

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