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Lokales

12. Dezember 2017 | 03:55 Uhr

Fünf Nationen im kleinen Pröttlin

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erstellt am 03.Mai.2010 | 07:05 Uhr

Pröttlin | So etwas hatte es in Pröttlin noch nicht gegeben: Das gerade mal knapp 250 Einwohner zählende Dorf hatte internationalen Besuch: Gäste aus fünf Ländern und von vier Kontinenten kamen zu Kaffee und gutem Kuchen vorbei. Gastgeber war Familie Pollozek und Verursacher dieses multikulturellen Treffens ihr Enkelsohn Danny Nadolleck.

Der studiert an der Fachhochschule Wolfsburg Wirtschaft. Sein Autokennzeichen PR weckte die Neugier ausländische Kommilitonen. Prignitz, ein Landkreis in Brandenburg. "Aber ich komme aus Pröttlin", pflegte Danny stets zu sagen. Und weil er so von seinem Heimatdorf schwärmte, wollten sie dieses kennen lernen.

Über Salzwedel und Ludwigslust reisten die jungen Leute an. Xian aus Singapur, Michelle aus Südafrika und Daniel aus South Dakota, USA. Auch Finnen sitzen mit am Tisch, lassen sich den Kuchen von Dannys Großeltern schmecken. Das schier endlos wirkende Straßendorf mit seinen wenigen Häusern, umgeben von großflächigen Äckern beeindruckt die Jugendlichen. "Sie sind fasziniert, dass man in einem so kleinen Dorf wohnen kann", schildert Danny ihren ersten Eindruck.

Vor allem Xian aus der fünf Millionen Einwohner zählenden Metropole Singapur kommt aus dem Staunen nicht heraus. "In meiner Heimat gibt es nur moderne Bauten, kein altes Gebäude. Hier in Deutschland spüre ich ein großes Geschichtsbewusstsein", sagt sie. Fachwerkbauten aus dem Mittelalter und Schlösser wie das Ludwigsluster beeindrucken sie besonders. Erstaunt sei sie über die Menschen. "Ich dachte, dass alle grundsätzlich unfreundlich sind und ernst gucken", schildert sie ein in Singapur weit verbreitetes Vorurteil. Dass dem nicht so ist, habe sie oft in den bisher zwei Monaten ihres Aufenthalts erlebt, wie auch in Pröttlin.

Für Michelle ist zumindest die landschaftliche Weite in der Prignitz vertraut. Sie kommt aus Südafrika. Ihr Vater lebte und arbeitete eine Zeit lang in Deutschland, "deshalb wollte auch ich das Land besuchen". Die Architektur, die alten Dorfkirchen seien interessant. Außerdem wolle sie etwas über die Geschichte der Wiedervereinigung erfahren. "Ich wusste, dass es Ost und West gibt, aber keine Einzelheiten." Da sei ein Besuch in den früheren Grenzgebieten der Prignitz besonders reizvoll. Deshalb freue sie sich auf Lenzen und die Besichtigung des dortigen Grenzturms.

Dieses Interesse teilt Daniel. Er lebt in South Dakota, studiert Politik und Wirtschaft, verfolgt aus der Ferne das Geschehen in Amerika. In diesen Tagen die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko: "Ein Desaster", sagt er und ist überzeugt, dass sich selbst die in Umweltfragen eher lax eingestellten Amerikaner ernsthaft Gedanken über die Folgen dieser Katastrophe machen. "Als Konsequenz rechne ich mit deutlich schärferen Gesetzen und Auflagen."

Wenn er Deutschland und Amerika vergleiche, fallen ihm Unterschiede in der Wirtschaft auf: "Bei uns genügt es, ein neues Projekt logisch darzustellen. In Deutschland muss das mit Zahlen, Fakten unterlegt und auch noch hübsch verpackt vorgestellt werden." Erhebliche Unterschiede gibt es in der Förderpolitik. Amerika subventioniere zwar mit Millionen Dollar die Landwirtschaft, aber in der Industrie gebe es generell keine Fördermittel für Investitionen oder Ansiedlungen. "Das Geld müssen Unternehmer alleine aufbringen." Positiv aufgefallen sei ihm in Deutschland, dass viele Englisch sprechen. Etwas anderes habe ihn schockiert: "14-Jährige die Diskos besuchen und Alkohol trinken, gibt es in meinem Land nicht."

Klischees ausräumen, private Gastfreundschaft erfahren, neben Berlin, Rom und Paris die Reize der Prignitz erkunden. Dannys Freunde haben den Ausflug genossen und vielleicht wollen sie bis zur Rückkehr in ihre Heimat noch einmal in die Provinz reisen.

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