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Lokales

21. Oktober 2017 | 07:06 Uhr

Fünf Jahre als Neonazi

vom

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erstellt am 16.Sep.2010 | 06:59 Uhr

Schwedt/Berlin | Kevin M. hat Angst. In seine Wohnung in Berlin-Spandau traut sich der 22-jährige Brandenburger heute nur noch zusammen mit einem Sozialarbeiter. Lediglich, um die Post zu holen, kehrt er heim. Denn Kevin M. ist aus der rechten Szene ausgestiegen, und hat darüber in einem Film berichtet, der unter dem Titel "Einer von uns" heute in den Uckermärkischen Bühnen Schwedt Premiere hat. Bei seinen alten Kumpels gilt er deswegen als Verräter. "Und ich weiß, was man in diesen Kreisen mit Verrätern macht."

Kevin M. hat in der Szene viel erlebt - etwa den Überfall auf einen Antifaschisten am helllichten Tag in dessen Wohnung in Berlin. "Mit einem Brecheisen haben wir die Tür aufgestemmt, und ihn in seinem Wohnungsflur zusammengeschlagen", sagt Kevin M. "Anzeige hat er nie erstattet, weil er Angst vor uns hatte." Die Angst der Anderen - für Skinheads und Rechtsextreme ist sie motivierend.

So war es auch damals, in einem Dorf in der Uckermark, wo Kevin aufwuchs. "Da habe ich zum ersten Mal Rechte erlebt", sagt der junge Brandenburger im Rückblick. "Damals galt ich als Linker, sie hetzten uns die ganze Straße entlang, es war gut, wenn man sie mied." Als er 17 war, geriet der Mann mit dem doppelten Lippenpiercing, den breiten Ohrringen und der Stoppelfrisur selbst in die Szene: Kevin M. war nach Berlin gezogen, weil er es in seinem Heimatdorf nicht mehr aushielt. Die Treberhilfe betreute ihn, er erhielt Hartz IV und eine Sozialwohnung. "Als ich in einer Kneipe im Wedding mit einem Türken aneinander geriet, waren da diese Männer", berichtet Kevin. Sie schritten ein - doch was der junge Mann damals für Zivilcourage hielt, war in Wirklichkeit ausländerfeindlich motiviert. "Wir haben uns dann noch lange über Politik unterhalten, sie gaben mir ihre Telefonnummer, und wir haben uns immer häufiger getroffen."

Die Männer waren Funktionäre der NPD. Immer wieder sprachen sie mit Kevin M. über die "bösen Einwanderer", immer stärker akzeptierte M. die Argumente der Berliner Rechten. Schließlich las Kevin M. die Bücher von Holocaust-Leugnern, und glaubte ihnen. Dass er es in der Schule einst anders gehört hatte, war vergessen. "Ich dachte damals, dass nicht die Bücher logen, sondern dass unser Geschichtslehrer gelogen hatte", sagt Kevin M. "Ich glaubte nicht daran, dass es den Holocaust gegeben hat."

Kevin M. wurde Mitglied im Frontbann 24, einer mittlerweile verbotenen Neonazi-Kameradschaft. Er trat in die NPD ein. Und er dekorierte sein Wohnzimmer mit Fotos von Adolf Hitler, Joseph Goebbels und dem KZ-Arzt Josef Mengele. "Ich mochte das Gemeinschaftsgefühl, und das gegenseitige Vertrauen in der Kameradschaft", sagt er heute. "Wenn ich irgendwie auf der Straße Probleme hatte, musste ich nur anrufen, und binnen Minuten waren die Autos mit den Kameraden da."

Die Rechtsradikalen vermittelten dem jungen Mann aus Brandenburg ein Gefühl der Freundschaft in der Großstadt, die auf Fremde oft so anonym wirkt. Sie gaben ihm Halt, Orientierung und Vertrauen - Werte, die letztlich auch zu seinem Ausstieg aus der Szene führten. Schuld daran war eine große Enttäuschung: Keiner hielt zu ihm, als er an einem Wahlkampfstand der NPD ein Rededuell mit ein paar Linken verloren hatte. Kevin M. wurde von den Freunden fallen gelassen.

Auf einmal entdeckte er, "von einem Haufen brutaler Idioten" umgeben zu sein. Der örtliche Kreisvorsitzende der NPD erschien ihm "einfältig". Mit einem Nachbarn aus seinem Heimatdorf besuchte er das KZ Ravensbrück - und merkte, dass es auch den Holocaust gegeben hatte. Kevin M. entschied sich, auszusteigen. Von einem Tag auf den anderen änderte er seine Handynummer. Von einem Tag auf den anderen verließ er seine Wohnung. Für die Rechten war er einfach weg. Heute lebt Kevin M. wieder in Brandenburg, wird von einem Aussteigerprojekt betreut und freut sich auf eine Ausbildung zum Altenpfleger.

Wo genau sein Leben weitergeht, will Kevin M. allerdings nicht sagen. Denn die Rechten sind ihm auf der Spur. "Kürzlich hat ein Nazi aus der Uckermark auf dem Youtube-Account einer Freundin gepostet, sie solle meine Telefonnummer rausgeben, sonst würde etwas passieren", sagt Kevin M. Die Angst vor der Rache der einstigen Gesinnungsgenossen - für Kevin M. gehört sie jetzt zum Leben dazu.

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