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Lokales

23. September 2017 | 00:37 Uhr

Frust, Stillstand, Kampfansagen

vom

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erstellt am 10.Mär.2011 | 08:18 Uhr

Schwerin/berlin | Kurz nach 5 Uhr steht der Hanse-Express noch auf Gleis zwei des Schweriner Hauptbahnhofs. In den Waggons ist es dunkel, nur an der Lok brennt Licht. Sie wollten mit dem Zug nach Hamburg, sagen zwei Männer, die jeden Morgen zur Arbeit pendeln und auf die Bahn angewiesen sind. Wegen des Lokführerstreiks sei dies jedoch nicht möglich, habe ihnen eine Bahnmitarbeiterin gesagt. Die Männer zucken mit den Achseln und gehen in einen Imbiss, um Kaffee zu trinken. Zeit dafür haben sie bis 10 Uhr, dann sollten die Züge wieder fahren. Für den morgendlichen Berufsverkehr sind die Bahnsteige in Rostock und Schwerin ungewöhnlich verwaist. Wohl die meisten Reisenden hätten sich auf die Streiks eingestellt, mutmaßt eine Bahnmitarbeiterin in Rostock. Reinigungstrupps nutzen die Zeit zum Großputz in den Bahnhöfen, die Geschäfte bereiten sich auf die Öffnung vor. Polizisten schlendern durch die leeren Wartehallen.

Ab 8 Uhr füllen sich die Bahnhöfe, die Schlangen ratloser Reisender an den Infopunkten der Bahn werden immer länger. Eine Mitarbeiterin in Rostock gibt höflich Auskunft, ist aber sichtlich genervt. "Ich habe nichts gegen den Streik der Lokführer. Aber dass sich niemand von der Gewerkschaft hier blicken lässt, finde ich eine Unverschämtheit. Wir fangen extra früher mit der Arbeit an und bekommen den Frust der Reisenden ab", sagt die Frau, die ihren Namen wie die meisten an diesem Morgen nicht nennen will.

"Da sieht doch keiner mehr durch"

In Durchsagen wird auf den Streik der Lokführer aufmerksam gemacht. Aber welcher Zug doch noch fährt und welcher ausfällt, dazu scheinen auch die Mitarbeiter der Auskunft überfragt zu sein. Die Durchsagen kommen immer wieder ins Stocken, Reisende blicken sich fragend an. "Da sieht doch keiner mehr durch", schimpft eine junge Frau.

In Rostock beispielsweise fährt am Morgen doch noch etwa jede zweite Bahn, meist die S-Bahn-Züge, die zwischen Überseehafen und Warnemünde pendeln, aber auch einige Regionalzüge in die umliegenden Ortschaften. "Unser Arbeitgeber ist nicht die Bahn, sondern die RSAG in Rostock", erläutert ein Lokführer, der auf der Strecke Rostock-Tessin unterwegs ist. Er habe volles Verständnis für den Ausstand seiner Kollegen. "Ich bin schon länger bei meinem Arbeitgeber, werde gut bezahlt im Vergleich zu den Jüngeren, die später kamen", sagt er.

Zum Ende des Streiks füllen sind die Bahnsteige langsam. Die Hoffnung, dass ab 10 Uhr aber alle Züge wieder nach Fahrplan unterwegs sind, ist trügerisch. "Die Verspätungen und Ausfälle werden bis zum Abend dauern", warnt die Bahnmitarbeiterin in Rostock. Bis alles wieder im Takt sei, dauere es nach solch einem bundesweiten Streik Stunden.

Gute Geschäfte an diesem Tag machen neben den Verkäufern der Imbisse auch die Taxifahrer. An Streiktagen seien die Bahnhöfe eine sichere Bank, sagt ein Mann, dessen Auto mit laufendem Motor vor dem Rostocker Hauptbahnhof steht. Taxis seien für viele oft die letzte Möglichkeit, pünktlich zur Arbeit zu kommen. Das Geld werde zähneknirschend bezahlt, aber nicht jeder Chef hat ein Einsehen bei so vielen Streiks in der Vergangenheit, sagt der Taxifahrer.

Die GDL im Bezirk Nord schätzte, dass sich allein in Mecklenburg-Vorpommern bis zu 140 Lokführer an dem Ausstand beteiligten. "Der Frust ist hoch", sagt der Bezirkschef Lutz Schreiber.

GDL-Chef präsentiert seine Erfolgsbilanz

Die GDL zeigt sich zufrieden mit der gestrigen Streikwelle - und droht weiter. "Wer uns kennt, weiß, dass wir sehr weit gehen können", sagt Claus Weselsky. Der Mann, der als GDL-Chef Deutschlands Bahnverkehr lahmlegt, gibt sich entschlossen und präsentiert "seine" Streikbilanz gestern als Erfolg: 80 Prozent der Züge im Güter- und Personenverkehr seien ausgefallen oder massiv verspätet gewesen. "Die Lokomotivführer in der GDL, also im ganzen Land, machen jetzt ein für alle Mal Schluss mit der Angst um den Arbeitsplatz und mit Lohndumping im Eisenbahnverkehr", will er die Daumenschrauben weiter anziehen.

Ein Mann geht aufs Ganze und nimmt dabei Verspätungen und Unannehmlichkeiten für Hunderttausende Bahnkunden in Kauf. Die kleine GDL fordert mit ihren 34 000 Mitgliedern bereits seit Wochen den Platzhirsch Deutsche Bahn und die Konkurrenz der Privatbahnen heraus, um einen branchenweiten Tarifvertrag für alle Lokführer durchsetzen zu können. Mit dem 90-Prozent-Votum der GDL-Mitglieder im Rücken scheint Weselsky fest entschlossen, hart zu bleiben.

Am Kurs, den der 52-Jährige eingeschlagen hat, scheiden sich die Geister. Die FDP im Bundestag warf der Gewerkschaft gestern "Guerilla-Taktik " vor. "Die Verbraucherinnen und Verbraucher haben genug gelitten", so Verbraucherschutzexperte Erik Schweickert.

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