Friedliche Revolution nacherleben

Gevork, Erik, Anna und Isabell (v.l.) vertiefen sich in die Berichte des früheren Ministeriums für Staatssicherheit. Kewitz (2)
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Gevork, Erik, Anna und Isabell (v.l.) vertiefen sich in die Berichte des früheren Ministeriums für Staatssicherheit. Kewitz (2)

Am 23. Oktober 1989 fand in Schwerin die erste Montagsdemonstration statt. Anhand von Akten können Schüler in der Außenstelle der Stasi-Bundesbeauftragten in Görslow die friedli che Revolution vor 20 Jahren nacherleben - und sich zugleich auf die "Tage der Erinnerung" vorbereiten, die es im Oktober in der Landeshauptstadt gibt.

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14. Juli 2009, 10:32 Uhr

Schwerin | "Am 23.10.1989 um 7.45 Uhr stellte ein Kollege im VEB Le derwaren Schwerin an einer Wandzeitung im Speisesaal einen Handzettel mit folgender Aufschrift fest: ,Nieder mit der Anmaßung der Alleinherrschaft der SED. Sammelt Unterschriften für das Neue Forum. Kommt zur Demonstration auf den Alten Garten am 23.10. um 16.30 Uhr." So lautet eine der ersten Eintragungen im Lagefilm des Ministeriums für Staatssicherheit an einem Tag, der in die Geschi chte Schwerins eingehen sollte.

Am 23. Oktober 1989 fand in der damaligen Bezirkshauptstadt die erste Montagsdemonstration statt. Tausende Menschen folgten dem Aufruf des Neuen Forums. Die SED-Oberen organisierten eine Gegenkundgebung. Auf dem Alten Garten trafen beide Lager aufeinander…

Was an jenem Abend vor 20 Jahren in Schwerin geschah, das wissen Anna, Isabell, Erik, Gevor k und die anderen Schüler der 11. Klasse des Pädagogiums nur aus Erzäh lungen. Die 17- und 18-Jährigen waren noch nicht geboren, als auch Schwerin zum Schauplatz der friedlichen Revolution wurde. Um so größer ist ihr In teresse an den historischen Dokum enten, die die Außenstelle der Stasi-Bundesbeauftragten in Görslow bereithält, darunter auch den Lagefilm vom 23. Oktober 1989. "Das Ausmaß der Bespitzelung ist erschr eckend", sagt Erik. Sehr detailliert seien die Be richte des MfS, ergänzt Isabell. Und Anna betont: "Man kann sich so eine Atmosphäre heute gar nicht mehr vorstellen."

Lehrerin Nadja Schlaghecke hat sich ganz bewusst für die Projekttage in Görslow entschieden. "Wir nehmen einen aktuellen Anlass, den 20. Jah restag des Mauerfalls, zum Anlass, uns mit Geschichte zu beschäftigen." Der demokratische Aufbruch von 1989 sei ein weltpolitisches, aber auch ein re gionales Ereignis gewesen, so Schlaghecke. "Diese Botschaft möchte ich den Jugendlichen gern vermitteln."

Die Schüler des Pädagogiums wollen sich auch an den "Tagen der Erinnerung" beteiligen, die im Oktober unter anderem von der Dom- und der Paulsgemeinde, der Landeszentrale für politische Bildung, der Landesbe auftragten für die Stasi-Unterlagen und der Görslower Außenstelle veranstaltet werden. Den Auftakt macht am 23. Oktober ein Friedensgebet im Dom, bei dem junge Leute Passagen aus dem Lagefilm des MfS vortragen werden. Vom Dom aus geht es dann zum Arsenal. Dort wird sich der Bürgerrechtler Heiko Lietz den Fragen von Jugendlichen stellen. Dritte Station am Abend ist die Paulskirche, wo ein aktuelles Buch über das Neue Forum vorgestellt werden soll. Die Lau datio hält Joachim Gauck. Am 24. Oktober ist im Dom ein Vortrag des Theologen Erhard Neubert geplant. Ein Konzert mit der Ratzeburger Domkan torei wird am 25. Oktober die "Tage der Erinnerung" in der Schweriner Hauptkirche beschließen.

"Die Staatssicherheit hat im Herbst 1989 den Ernst der Lage durchaus erkannt", sagt Kathrin Witt, Mit arbeiterin der Außenstelle in Görslow. Dafür gebe es in den Berichten mehrere Belege. Junge Menschen bekämen aus den Unterlagen in erster Linie ein Gefühl für die Stimmung jener Tage, in denen engagierte Bürger für Freiheit und Demokratie auf die Straße gegangen seien.

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