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Gleichberechtigung bei der Bundeswehr : Frauen sorgen für neuen Umgangston

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Wer zart besaitet ist, sollte die Finger davon lassen, empfiehlt Juliane Hoffmann, Chefin der Nachschub- und Transportstaffel beim Jagdgeschwader 73 "Steinhoff". Sie ist dort die einzige Frau in einer Führungsposition.

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erstellt am 07.Jan.2011 | 07:10 Uhr

Laage | "Man muss sich bewusst sein, dass die Bundeswehr eine Männerwirtschaft ist und damit umgehen können", sagt Juliane Hoffmann (32). Wer zart besaitet ist, sollte die Finger davon lassen, empfiehlt die Chefin der Nachschub- und Transportstaffel beim Jagdgeschwader 73 "Steinhoff" in Laage. Sie ist die einzige Frau auf dem Fliegerhorst in einer Führungsposition. 140 militärische und zivile Mitarbeiter hören auf ihr Kommando. Seit zehn Jahren stehen Frauen alle militärischen Laufbahnen bei der Bundeswehr offen. Sieben Prozent der Berufs- und Zeitsoldaten beim Jagdgeschwader 73 sind derzeit Frauen - Tendenz steigend.

Frau strebt Generalstabsausbildung an

Juliane Hoffmann hatte schon einige Zeit mit dem Gedanken gespielt, bevor sich vor zehn Jahren die Gelegenheit bot. "Man hat viel von Freunden gehört, wie es beim Bund läuft, aber ich schaue mir eine Sache immer gern selbst an", sagt die 32-Jährige. In einem festen Arbeitsverhältnis habe sie mit ihrer Bewerbung nichts riskiert und wurde genommen. Im Juli 2001 besuchte sie den ersten Durchgang für Offiziersanwärterinnen in Deutschland. Der Offiziersschule folgten u.a. ein BWL-Studium in München, Einsätze als Materialbewirtschaftungsoffizier am Bundeswehrstandort Bad Sülze, in einem Logistikzentrum und schließlich vor gut einem halben Jahr der Wechsel nach Laage.

Überall sei sie dabei auf Männer gestoßen, die sich mit dem Einsatz von Frauen beim Bund nicht anfreunden können. "Auch damit muss man umgehen können. Es war aber nie so schlimm, dass es zu einem ernsten Problem geworden wäre", betont die Berufssoldatin im Range eines Hauptmanns. Für sie war die Entscheidung für die Bundeswehr die richtige. Von der Pike auf sei sie ihren Weg gegangen und sieht sich als Staffelchefin nicht am Ende. Sie strebt eine Generalstabsausbildung an und wartet darauf, einen Stabsoffizierslehrgang in Hamburg absolvieren zu können - Grundvoraussetzung für ihren weiteren Weg.

Als Chance für sich sieht Stabsunteroffizier Antje Cohn (26) den Dienst bei der Bundeswehr. Die gelernte Industriemechanikerin ist seit einem guten halben Jahr beim Bund, ist in der Grundausbildung "mit Waffe und Helm durch den Dreck" gerobbt, hat einen Lehrgang nach dem anderen absolviert und ist jetzt im Jagdgeschwader 73 in der Ausbildung zum Fluggerätemechaniker. Hier wartet sie Eurofighter, macht die Maschinen startklar und unterzieht sie zusammen mit ihren Kollegen zwischen den Starts und danach einer gründlichen Inspektion. Als 2. Wart kontrolliert sie u.a. alle beweglichen Teile, Ölstände, Hydraulikleitungen und stellt im Cockpit alles wieder auf "Standard" ein. "Jeder Pilot hat so seine Eigenarten", erklärt die zierliche Frau. Körperlich sei sie den Männern fraglos unterlegen. "Aber bisher habe ich alles hingekriegt", sagt sie. Dabei sei es nicht einfach, als einzige Frau bei der Wartung in einer Männerrunde zu sitzen. Was erzählt man da?" Die blöden Sprüche der Männer würde sie meist mit einem blöden Spruch beantworten, erzählt sie.

Umgang mit der Waffe ein schweres Kapitel

Ein Umdenken der Männer sei im Gange, denkt der Liegeplatzmeister Frank Cecatka. Er selbst - seit 1982 beim Bund - wollte keine Frauen bei der Bundeswehr. "Ich habe mich damit sehr schwer getan", gesteht der Oberstabsfeldwebel, der nun bemerkt, dass Frauen bei der Truppe den Umgang und den Ton verändern. "Es wird kultivierter. Das Wort mit dem A am Anfang rutscht in Gegenwart von Frauen nicht so schnell raus", sagt Cecatka. Auch auf Lehrgängen, so beobachtet es Antje Cohn, würden Frauen - in der Regel fleißiger - die Männer anstacheln. "Schließlich wollen sie sich von einer Frau nichts vormachen lassen", denkt die Zeitsoldatin auf acht Jahre.

Eine ganz eigene Sache, so gesteht die 26-Jährige, sei der Umgang mit der Waffe. So lange es eine Übung sei, könne sie dies sportlich betrachten. Auf einen Menschen zu zielen, damit hätte sie ein Problem. "Ich hoffe nie in solche Bedrängnis zu kommen", gesteht Antje Cohn.

Hintergrund

Eine Entscheidung des Europäischen Gerichtshofes machte den Weg frei für den aktiven Militärdienst von Frauen in der Bundeswehr. Seit 2001 stehen ihnen alle militärischen Laufbahnen in den Streitkräften offen. Derzeit sind nach Angaben des Bundesverteidigungsministeriums streitkräfteweit fast 17 000 und somit rund neun Prozent aller Berufs- und Zeitsoldaten Frauen. Ziel ist ein Frauenanteil von 15 Prozent in den allgemeinen Laufbahnen. Mehr als 2500 Frauen haben eine Offizierslaufbahn eingeschlagen. 40 Prozent der Soldatinnen arbeiten im Sanitätsdienst, 22 Prozent gehören zur Streitkräftebasis, 20 Prozent zum Heer, elf Prozent sind bei der Luftwaffe und sieben Prozent bei der Marine.

Der Frauenanteil im Jagdgeschwader 73 liegt bei 7,1 Prozent. 79 Frauen versehen ihren Militärdienst in Laage. Tendenz steigend.

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