Neonazis: Weiblicher Anhang zunehmend selbstbewusster : Frauen auf brauner Scholle

Frauen sind bei Aufmärschen in der Minderheitdpa.
Frauen sind bei Aufmärschen in der Minderheitdpa.

In der Öffentlichkeit geben sie sich selbstbewusst und energisch. Gewiss, die NPD im Nordosten ist eine Männerbastion. Doch junge Mädchen und Frauen prägen auch hier die menschenverachtende Politik mit.

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04. Mai 2011, 11:47 Uhr

Das Wandgemälde zeigt eine naiv gemalte Bauernfamilie. Neben dem Bild prangt der Schriftzug: "Dorfgemeinschaft Jamel - frei - sozial - national". Das Wandgemälde ist auf der Rückseite eines Flachdachgebäudes in dem kleinen Dorf nahe Grevesmühlen zu finden.

Am 15. April wurde die kleine Filmsequenz von Neonazis im Internet veröffentlicht. Was nicht gezeigt wurde: Ein Gruppenfoto. 14 lachende Erwachsene posieren mit neun Kindern vor dem Wandgemälde. Uniformähnlich tragen fast alle, auch die Kinder, ein einheitliches schwarzes Shirt. Darauf ist das gelbe Ortsschild von Jamel zu sehen - mit dem Zusatz: "Gau Mecklenburg".

Auch Janette Krüger ist dabei, sie hält ein Kleinkind vor sich. Ihr Ehemann Sven ist im Gefängnis. Der berüchtigte Neonazi, aufgestiegen zum NPD-Kreistagsabgeordneten in Nordwestmecklenburg, sitzt ein wegen des Verdachtes auf Hehlerei mit Baumaschinen. Auch wurde eine funktionsfähige Maschinenpistole mit 200 Schuss Munition bei den Krügers sichergestellt. Nachdem der, der in Jamel das Sagen hat, abwesend ist, hat seine Frau nun das Ruder in die Hand genommen.

Janette Krüger führt Geschäfte und Politik weiter. Seit kurzem ist die gelernte Arzthelferin Regionalleiterin der NPD-Unterorganisation "Ring Nationaler Frauen" (RNF) in Mecklenburg-Vorpommern. Sie organisiert Arbeitstreffen für Neonazistinnen, schult die Kameradinnen mit und sorgt dafür, dass auch die Kinder bei der Schaffung einer "nationalen Gegenkultur" kräftig miteingebunden werden.

Der Nachwuchs extrem rechter Eltern wächst mit zwei Szenarien auf: Demokratie und Bundesrepublik Deutschland seien dem Untergang geweiht - als heile Welt stelle sich dagegen eine homogen nationalistische "Volksgemeinschaft" dar. Um die Kinder vor "schädlichen" zivilgesellschaftlichen Außeneinflüssen zu schützen, wählen diese Eltern nicht selten Isolation als ein Mittel. "Erreicht der ideologische Einfluss solche Ausmaße, dass eine Kindeswohlgefährdung vorliegt", warnt Präventionsexperte Günther Hoffmann aus Anklam, "dann sind staatliche oder soziale Stellen in der Pflicht die Situation zu prüfen."

Eine vom "Kulturbüro Sachsen" 2010 veröffentlichte Studie mit dem Titel "Elternarbeit im Spannungsfeld Rechtsextremismus" geht der Frage nach, ob "Nazis per sé schlechte Eltern" sind. Demnach kommt politischer Missbrauch von Kindern aufgrund völkischer Erziehung in Betracht, wenn es zu körperlichen Bestrafungen, seelischen Verletzungen oder anderen entwürdigenden Maßnahmen kommt.

Braune Pionierarbeit leisten vor allem auch die Frauen. Sie agieren zumeist im Hintergrund, sind politisch nicht weniger fanatisch als die Männer. Die Kombination aus modernem Nationalismus und ewiggestriger Ideologie kommt auch bei ihnen gut an. Bewusst akzeptieren sie ein biologistisches Weltbild und die verordnete Rollenzuteilung.

Auch die Führung der NPD hat das politische Potenzial der sich engagieren wollenden Frauen erkannt. Im Lokalen sind es oft sie, die schnell gesellschaftliche Akzeptanz finden und als Sympathieträgerinnen auftreten. Der nationalistischen Ideologie entsprechend, gestalten viele Mädchen, junge Mütter und Ältere ihr alltägliches Leben, unterstützen den Freund oder Ehemann, halten ihm für die politische Arbeit den Rücken frei, führen die Familien im traditionellen, oft nationalsozialistischen Rollenverständnis und erziehen die Kinder nach ihren elitären Tugenden. Im Hintergrund sind sie - wie die Ehefrau des NPD-Chefs in der Schweriner Landtagsfraktion Marianne Pastörs - treue Stütze der Kameraden.

In der Öffentlichkeit geben sie sich selbstbewusst und energisch. Gewiss, die NPD in Mecklenburg-Vorpommern ist eine Männerbastion. Doch junge Mädchen und Frauen prägen auch hier die menschenverachtende Politik mit. Ihre organisatorische Einbindung bei NPD-Kinderfesten, Volkstanzfeiern oder Aufmärschen stabilisiert die "Bewegung".

Ein Blick hinter die Kulissen offenbart die zunehmende Gefahr durch Neonazistinnen im ländlichen Raum. Deren Parole heißt: Völkisches Brauchtum leben. Ihr Denken und Handeln gilt vor allem dem Traum vom "nationalen Dorf", in dem ihre neonazistischen Familienverbände, "Sippen" genannt, faktisch die Dominanz ausüben.

Diese Frauen haben sich entschieden: für den "nationalen Kampf" - gegen humanistische Vorstellungen. Je intensiver sie sich einbringen, je enger sind Politisches und Privates untrennbar miteinander verwoben.

Im Landkreis Güstrow haben Rechte seit Mitte der 90er-Jahre damit begonnen, ausgewählte, entlegene Anwesen zu erwerben. Rechte Mieter leben im verträumten Schloss Bansow, im ehemaligen Lehrerhaus von Lalendorf. Sie leben in verschworenen Gemeinschaften in den Dörfern Koppelow, Kölln oder Klaber.

Völkische Netzwerke sind im Aufbau - die ohne Frauen kaum nachhaltig bestehen können. Braune Siedler gründen in MV Handwerkskooperativen, Fahrgemeinschaften und organisieren gemeinsame Kinderbe treuungen für den Nachwuchs. Befreundete Ökolandwirte sorgen für Fleisch und frisches Gemüse, Hebammen für die Möglichkeit "natürlicher Geburten". Nationale Tagesmütter treten als Alternative zur Versorgung von Kleinkindern in Kindertagesstätten auf. Frauen und Mädchen in langen Röcken und mit Zöpfen und Haarkränzen legen Gemüsegärten zur Selbstversorgung an, sichern mit einem kleinen Viehbestand zusätzliches Auskommen.

Längst beschäftigt das Thema "Völkische Siedler" eine Landes-Arbeitsgemeinschaft, bestehend aus Präventionsexperten der Regionalzentren in Ludwigslust, Roggenthin und Stralsund, von Soziale Bildung e.V. und der Opferberatung Lobbi e.V.. Auf eine langfristige Auseinandersetzung im Landkreis Güstrow allein mit über einem Dutzend nationaler Familien - zu denen etwa 60 Kinder gehören - wird hingewiesen. Deren Eltern zeigen ein "geschlossenes rechtsextremes Weltbild" und hängen auch soldatischen, autoritären Führungsstilen an. Unauffällig und abseits der Städte basteln längst extrem rechte Frauen und Männer im grünen Gewande am braunen Alltag. Um Akzeptanz in der Bevölkerung zu gewinnen brauchen sie kein Parteibuch.

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