Flimmerkiste frisst Zeit

Bevor das erste Fernsehgerät in den 50-er Jahren die Wohnzimmer eroberte, beschäftigten sich Familien auf andere Weise. Heute undenkbar: Für viele gehört die "Glotze" zum Leben dazu. Nicht so bei Bernd und Gudrun Birk. Die Neu-Bernitter besitzen seit mehr als 20 Jahren keinen Apparat. Aus gutem Grund.

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24. Februar 2009, 11:39 Uhr

Neu Bernitt | Ein Fernsehgerät brauchen die Birks nicht. "Der ausschlaggebende Grund war für mich, dass es alles im Überdruss gibt. Ich brauche das Fernsehen als Abwechslung und Unterhaltung hier draußen nicht", sagt Bernd Birk. Wenn man nicht mehr wisse, was man zwei Stunden zuvor sah, dann sei etwas falsch. "Die Unterhaltung ist uns viel wichtiger", sagt Gudrun Birk. "Wenn ich vor dem Fernseher sitze, muss ich mich entscheiden: fernsehen oder erzählen." Sie wollen sich nicht von den wichtigen Dingen ablenken lassen. Bernd Birk brauche viel Zeit für sich selbst und möchte sich diese nicht "vom vorgegebenen Tagesrhythmus der Flimmerkiste nehmen lassen".

Etwa Mitte der 80er Jahre entschieden sie sich: "Einen Fernseher brauchen wir nicht." Stattdessen lesen die Neu-Bernitter viel, gehen mit Hündin Tamara auf lange Spaziergänge, stricken, spinnen Wolle, musizieren und unterhalten sich lange, bekommen oft und gerne Besuch und hören ausgiebig Radio.

"Eigenen Film im Kopf entwickeln"
"Durch das Radio bekommt man Nachrichten zum Beispiel viel schneller mitgeteilt", sagt Gudrun Birk. "Wozu brauche ich Bilder, wenn es um einen Unfall geht", fragt sich die Ergotherapeutin. Radiohören ist für die 55-Jährige entspannter. "Es schärft vielmehr die Sinne, und ich kann meinen eigenen Film im Kopf entwickeln", sagt Gudrun Birk. Zu DDR-Zeiten hatte das Paar einen geschenkten Fernseher, der aber nicht zuverlässig funktionierte. "Den haben wir als Arbeits- und Spieltisch umfunktioniert", sagt sie und lächelt. Bernd Birk erinnert sich daran, dass das Fernsehgucken in den 60er-Jahren in seiner Familie fester Bestandteil der wöchentlichen Planung war. "Meine Oma hat die ganze Woche auf Montagabend hin gearbeitet. Die Familie saß um 20 Uhr zusammen und guckte einen alten Film. Das war prima." Im Gegensatz zu heute, wo alles immer lauter, schneller und belangloser werde. "Es ist doch schwierig, morgens aufzustehen und viele fremde Geräusche auf einmal wahrnehmen zu müssen", sagt der 54-Jährige. Neben dem Morgenradio laufe der Fernseher und die Kaffeemaschine - ein klangliches Durcheinander, was er sich nicht zumuten mag.

Es gab "interessante Testphasen", in denen ein Fernsehgerät bei den Birks im Haus stand. "Das war tageweise Anfang der 90-er ein geborgtes Gerät. Da sahen wir die vielen Bilder der Wende. Die Bilder zum 11. September 2001 haben wir uns an einem Schwarz-Weiß-Gerät beim Nachbarn ansehen können", sagt Bernd Birk, IT-Dienstleister.

Ins Kino fahren oder eine DVD auf dem Computer ansehen, dafür sind Gudrun und Bernd Birk gerne zu haben. "Das zelebrieren wir dann für uns. Wir schauen uns ausgewählte Filme an. Das Erlebnis ist einfach ganz anders", sagt Gudrun Birk.

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