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Lokales

18. Dezember 2017 | 23:34 Uhr

Fischer boykottieren EU-Verordnung

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erstellt am 21.Mai.2010 | 07:59 Uhr

Warnemünde | Ingo Pinnow ist sauer. Der 43-jährige Fischer soll jedes Mal, wenn er mit seinem Kutter den Hafen verlässt oder ansteuert, telefonieren. Im Maritimen Sicherheitszentrum Cuxhaven, einer Meldestelle von der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE), soll er Bescheid sagen. "Das kann ich doch nicht ernst nehmen", sagt Pinnow. "Wir führen bereits ein Fangtagebuch, in dem schon alles genau dokumentiert wird. So haben wir die doppelte Arbeit." Der Grund für die Aufregung: ein Schreiben der BLE vom 7. Mai. Dieses fordert ihn, genauso wie seine Kollegen, zur Meldung per Anruf, SMS oder Fax auf, sonst droht ein Ordnungswidrigkeitsverfahren.

"Die EU-Verordnung über die ,Fangaufwandsmeldungen ist schon seit 2007 gültig. Die Europäische Union sieht die Dorschbestände in Gefahr. Durch rigorose Maßnahmen versucht sie nun, diesen Kollaps abzuwenden, damit sich die Bestände wieder erholen", sagt der Vorsitzende des Landesfischereiverbandes Mecklenburg-Vorpommern, Norbert Kahlfuss. Das Gesetz bringe zusätzliche Kontrollen mit sich. In den vergangenen Jahren wurde die Überprüfung von den Ämtern jedoch nicht sehr streng gehandhabt. Das bestätigt auch Tassilo von Leoprechting, Sprecher der BLE: "Mit dem Bestreben ihn zu schützen, hat die EU den Mehrjahresplan für die Dorschbestände verabschiedet. Ziel ist es, permanent zu wissen, wann die Kutter unterwegs sind. Wir kennen die Problematik der Fischer und haben das Thema bisher mit Fingerspitzengefühl behandelt", so von Leoprechting.

Dass nun, fast drei Jahre später, entsprechende Maßnahmen eingeleitet wurden, liegt an der Fischerei-Kontrollverordnung. Diese wurde im Oktober 2009 verabschiedet und trat am 1. Januar 2010 in Kraft. Durch sie werden der Fischerei größere Kontrollen auferlegt, damit sich die Bestände von illegaler Fischerei erholen. "Das erhöht natürlich den Druck auf die BLE und fordert sie dazu auf, ihre Aktivitäten zu verstärken", sagt Kahlfuss. Das Problem sehe er in den Drei- und Vierfachkontrollen. "Sie sind überflüssig. Schon 2007 haben wir unsere Bedenken angemeldet, sind damit aber nicht durchgekommen. Ich bin nicht der Meinung, dass Gefahr besteht."

Ingo Pinnow will nicht telefonieren. Auch seine Kollegen Andreas Harant (44) und Eike Düwel (60) sind wütend über die Verordnung. "Die Wenigsten rufen dort an", sagt Harant. Bis nach Rügen hätte er telefoniert und weiß um die Boykottierung der Fischer. "Wir bleiben auf den Kosten sitzen. Das ist Beamtenwillkür. Wir haben Schwierigkeiten, unseren Beruf wegen der vielen Richtlinien überhaupt noch auszuüben. Irgendwie müssen wir uns ja wehren. Was haben wir denn für eine Alternative?" Eike Düwel sieht sich mit seinen 60 Jahren gar nicht in der Lage, ein Handy richtig zu bedienen. "Ich habe zwar eines, aber für das Schreiben von SMS bräuchte ich einen Sonderlehrgang." Pinnow verweist auch auf die Bedingungen an Deck: "Kleine Schiffe sind teilweise offen und mit keinem Ruderhaus versehen. Ständig gehen die Handys kaputt oder der Akku ist leer."

Deshalb will er sich jetzt wehren, hat Schreiben an sämtliche Behörden aufgesetzt. Im Namen aller Fischer von Mecklenburg-Vorpommern stellt er einen Eilantrag zur Änderung der Verordnung. "Kontrollen sind ja richtig, aber unser Verwaltungsaufwand ist inzwischen riesig. Wir sind nur kleine Fischer und wollen einfach unsere Arbeit machen." Als Alternative zu den Fangaufwandsmeldungen würde er sogar den Kompromiss über Funk vorschlagen. "Das wäre eine bessere Möglichkeit." Am liebsten wäre ihm jedoch, dass man die Maßnahme aussetzt, bevor er Bußgelder zahlen muss. "Wenn ich noch einen Brief bekomme, gehe ich zu meinem Anwalt." Der Abgeordnete im Europaparlament und Mitglied im Fischereiausschuss, Werner Kuhn, hat Ingo Pinnow bereits signalisiert, sich mit dem Problem auseinanderzusetzen. Auch bei der Landesfischereiversammlung im Herbst soll das Thema auf der Tagesordnung stehen. "Dass Pinnow versucht, einen Eilantrag zu stellen, kann ich gut verstehen. Dass die Verordnung ausgesetzt wird, glaube ich aber nicht", so Kahlfuss vom Landesverband. Aufgrund des langen Winters hätten sie für den Monat April darum gebeten, die Dorsch-Schonzeiten auszusetzen.

Auch das wurde nicht gemacht, weil die Gesetzgeber die Unterstützung der Wissenschaftler hätten. Er erklärt aber, dass es bereits Überlegungen gibt, den Küstenfischern einen Sonderstatus einzuräumen, damit sie keine so strengen Auflagen befolgen müssen. "Wir sind dabei, beim Deutschen Fischereiverband und auch international Vorschläge darüber einzuholen, welche Richtlinien angebracht sind und welche überflüssig. Es bringt nichts, auf Landesebene Forderungen zu stellen", sagt er. "Es ist eine EU-Verordnung, deshalb werden wir unsere Vorschläge auch in Brüssel einreichen. Wenn man wirklich Willens ist, dann sollte das möglich sein. Wir hoffen, dass im nächsten Jahr entsprechende Maßnahmen greifen. Kurzfristig wird das vermutlich nichts."

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