"Es muss die Hölle gewesen sein"

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08. April 2010, 07:56 Uhr

Schwerin | "Schmerzen an den Oberarmen und einige blaue Flecken und Druckstellen an Armen, Beinen und am Bauch. Mein Körper ähnelte einer Landkarte, wie ich sie aus dem Atlas kannte, den wir im Erdkundeunterricht benutzten." Heidemarie Puls war keine 14 Jahre alt, als sie beim Versuch, aus dem Durchgangskinderheim Demmin zur Oma zu fliehen, verprügelt wurde. Die Frau, die heute mit Familie in Mecklenburg lebt, kam 1957 in Neukalen bei Demmin zur Welt. Nach Missbrauch durch den Stiefvater und Vernachlässigung durch die Mutter, erlebte sie ihre Kindheit und Jugend in Heimen der staatlichen Jugendhilfe.

Auf der Suche nach Geborgenheit, die sie in den Heimen nicht fand, und aus Angst vor den Zwangsmaßnahmen versuchte das Mädchen mehrfach zu fliehen und landete schließlich im "Geschlossenen Jugendwerkhof Torgau". Eine Erziehungsanstalt, die inzwischen zum Symbol geworden ist für Prügel, Misshandlung und weitere Verletzungen der Menschenrechte gegenüber Minderjährigen. In dem beeindruckenden Buch "Schattenkinder hinter Torgauer Mauern" hat Heidemarie Puls ihre Erlebnisse in den DDR-Einrichtungen aufgearbeitet.

Die Diskussion um Gewalt an Schutzbefohlenen hat längst den Osten Deutschlands erreicht, sagt Anne Drescher, stellvertretende Landesbeauftragte Mecklenburg-Vorpommerns für die Stasi-Unterlagen. Akten der DDR-Jugendhilfe in den drei Nordbezirken werden derzeit im Auftrag der Behörde untersucht. Ein erster Bericht soll noch im Sommer vorliegen. Es geht um Misshandlungen, Freiheitsentzug und sexuelle Übergriffe.

37 Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe existierten in den drei Nordbezirken der DDR, darunter neun Jugendwerkhöfe und zwei Spezialheime. In der Betreuung der Kinder gab es Unterschiede. "Manche ehemalige Heimkinder erzählen von einer schönen Kindheit, die sie in den Einrichtungen verbracht hatten", sagt Anne Drescher. Auch Heidemarie Puls berichtet in ihrem Buch von guten Erzieherinnen, die ihr geholfen hatten.

Doch vor allem das Durchgangsheim in Demmin und die Jugendwerkhöfe seien schlimm gewesen. "Das muss für Kinder wirklich die Hölle gewesen sein", so Frau Drescher. Hass und Gewalt unter Kindern wurde von einigen Erziehern nicht nur geduldet, sondern als Erziehungsmaßnahme angesehen und mit der Verhängung von Kollektivstrafen gefördert. Wenn ein Kind trödelte, bekam die ganze Gruppe kein Abendbrot. Diese rächte sich dafür wiederum beim Einzelnen. Bezeichnend ist, dass Heidemarie Puls bei ihrer Entlassung aus dem Jugendwerkhof in Torgau am 11. Juli 1974 eine Schweigeverpflichtung unterschreiben musste. Nie sollte sie über solche Erziehungsmethoden berichten.

Nach einem Verfassungsgerichtsurteil zur Rehabilitierung und Entschädigung der Insassen des Jugendwerkhofs Torgau im vergangenen Jahr häuften sich auch die Peditionen ehemaliger Heimkinder beim Bürgerbeauftragten des Landes, Bernd Schubert (CDU). "Wir wussten nicht, dass es so ein gravierendes Problem ist", zeigte sich Schubert überrascht. Der CDU-Politiker kündigte an, seinen Bericht noch im April an den Landtag zu geben, damit das Schicksal dieser Menschen im Parlament zum Thema gemacht werde.

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