Erwartet die Wirtschaft zu viel von Schulabgängern?

Martin Biemann
Martin Biemann

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18. August 2009, 09:29 Uhr

Bützow/Güstrow | Ein paar Wochen sind noch Zeit, doch schon Anfang September starten viele Schulabgänger ins Berufsleben. Einige haben noch die Chance dazu. In Bützow seien noch sechs Stellen unbesetzt, gibt Eric Rouing von der Agentur für Arbeit Güstrow Auskunft. Bützower Jugendliche mit dem Berufswunsch Automobilkaufmann, Dachdecker, Zahntechniker oder Lebensmitteltechnik-Fachkraft sollten sich schleunigst bewerben. In Güs trow warten sogar noch 50 Lehrstellen auf Auszubildende, vornehmlich im Hotel- und Gaststättenbereich.

Doch es liegt nicht unbedingt an den Schulabgängern, dass viele Stellen nicht besetzt sind. Der Notendurchschnitt sei häufig das Problem, erklärt Rouing. "Die meisten Arbeitgeber fordern einen Notenschnitt von mindestens Zwei, da können viele Schulabgänger nicht mithalten." Manche würden sogar Abitur verlangen, z.B. für eine Ausbildung zum Hotelfachmann. "Das könnte ein guter Realschüler auch machen", meint Rouing. Aus Kostengründen würden anspruchsvolle Arbeitgeber auf einen Lehrling verzichten. Die Befürchtung, dass er die Prüfung nicht besteht, sei zu groß. Mit einem Hauptschulabschluss stünden die Chancen auf dem Ausbildungsmarkt mittlerweile eher schlecht, "die Auswahl ist dann gering".

Handwerk im Wandel heißt: Andere AnforderungenMartin Biemann von der Kreishandwerkerschaft Güs trow bestätigt: "Da besteht eine gewissen Diskrepanz zwischen Anforderungen und Notendurchschnitt." Mit einer Vier in Mathe habe ein Schulabgänger schlechte Chancen auf einen Ausbildungsplatz zum Kfz-Mechatroniker.

Für den Betrieb sei ein Lehrling immer eine Investition, in Form von Zeit und Geld. Gute Noten seien für den Arbeitgeber die Grundvor aussetzung für den erfolgreichen Ausbildungsverlauf. Außerdem sei das Handwerk im Wandel, den klassischen Dachdecker gebe es gar nicht mehr - "mittlerweile ist Solartechnik Bestandteil der Ausbildung". Biemann betont, dass viele Schüler einfach zu schlecht über bestimmte Berufsbilder informiert seien. Sie wüssten oft nicht, welche Anforderungen sie für ihren Traumberuf mitbringen müssten. "Die Lehrlinge von heute sind die Fachkräfte von morgen und bleiben meist auch hier", so Biemann. Die Perspektive einer Festanstellung nach erfolgreicher Ausbildung sei für beide Seiten interessant. Für Schüler sollte sie als Ansporn für ein gutes Abschlusszeugnis dienen.

"Wer sich bemüht und danach strebt, schafft das auch", ist Gudrun Radziwolek überzeugt. Die Leiterin der Regionalschule Bützow weiß, dass die Anforderungen an die Schüler "komplexer" geworden sind, und die Schule diese bewältigen müsse.

Hauptproblem: Motivation bei Schülern und ElternDas Problem sei oft die Motivation - sowohl bei den Jugendlichen als auch bei deren Eltern. "Wir leben nun mal in einer Region, in der die Arbeitslosenquote sehr hoch ist", räumt sie ein. Aber dennoch müssten die Eltern den "Daumen drauf halten" und ihre Sprösslinge anspornen, gute schulische Leistungen zu erbringen - aber nicht erst im letzten Schuljahr. Doch in vielen Haushalten der Region regiere Hartz IV. Da sei es für Eltern nicht einfach, ihre Kinder zu motivieren - dessen ist sich Radziwolek bewusst. Deswegen habe man seitens der Schule reagiert.

Seit einigen Monaten gibt es ein Kollegenteam an der Schule, das sich gezielt mit Berufsberatung und -vorbereitung befasst, insbesondere in den oberen Klassen. Neben Elternabenden und Einzelgesprächen würden außerdem Kooperationsvereinbarungen mit Betrieben in der Region geschlossen. Das heißt: "Wir fragen, was die Ausbildungsbetriebe fordern, um die Schüler darauf vorzubereiten", so die Schulleiterin.

Berufsvorbereitung in der Schule PflichtDas Konzept scheint aufzugehen. Die Schulabgänger des Jahrgangs 2009 sind der beste Beweis dafür. "Schon vor Beginn der Prüfungszeit im Frühjahr hatte rund die Hälfte bereits einen Ausbildungsvertrag in der Tasche", freut sich Radziwolek. In den Vorjahren sei das nicht so gewesen.

Der Trend bei den männlichen Ausbildungssuchenden gehe ganz klassisch in Richtung Auto-Mechatroniker und Elektroniker - bei den jungen Damen stünden Berufe im Gesundheitswesen auf der Wunschliste ganz oben.

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