Erforschen, aus welchem Jahr Fotografien stammen

Nostalgie auf der Vorderseite...Dr. Wolfram Hennies
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Nostalgie auf der Vorderseite...Dr. Wolfram Hennies

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03. November 2009, 08:58 Uhr

Plau am See | Vor 150 Jahren erregten sie überall Aufsehen - die Fotografen, welche jedem zu einem Abbild von sich selbst verhalfen. Zunächst kamen Wanderfotografen: Nach Lübz 1854 A. Wolff, 1857 v. Schrenk & Meyer und 1860 B. Stabenow.

Dann ließen sich die "neuen Handwerker" dauerhaft in den Städten nieder und richteten Ateliers ein: In Goldberg 1857 L. G. Kleffel, 1862 A. Heuck und 1866 H. Ahrens; in Plau 1862 O. v. Schwanewedel und 1870 A. Ehrich. Wer es sich irgendwie leisten konnte, ließ sich "ablichten". Viele der kleinformatigen Personenfotografien sind noch heute erhalten und erfreuen sich großer Gunst bei Sammlern.

"Eine Fotografie ohne Autor, Ort und Datum ist ein Vortrag ohne Geschichte. Ihre Botschaft ist nicht zeit- und ortlos, sondern haltlos: wie ein Echo, das von nirgendwoher kommt und im Irgendwo verklingt. Was immer das Bild darstellt, ihm fehlen die Vergangenheit, aus der es erwachsen ist, die Umgebung, in der es hergestellt wurde, die Stimme, die Betonungen setzt, die Adressaten, die es erreicht hat - mit einem Wort: es fehlen das Vorher und Nachher, also alles, was Dasein ausmacht." Das stellt der Fotohistoriker Timm Starl in seinem neuen Buch "Bildbestimmung. Identifizierung und Datierung von Fotografien 1839 bis 1945" fest, das in Marburger Jonas-Verlag erschien. Jeder Sammler alter Fotos kennt das Problem: Wenn keine Jahreszahl auf dem Bild oder im Fotoalbum vermerkt ist, beginnt das Raten, wann es wohl aufgenommen worden ist.

Starl hat nun erstmals zusammengefasst, welche Hinweise die bildlichen Wiedergaben enthalten, die in den meisten Fällen eine weitgehende Identifizierung und Datierung möglich machen. Dazu zählen neben anderem gestalterische Vorlieben in bestimmten Perioden, das Aufkommen mancher Motive, die Wahl des Herstellungsverfahrens sowie die Ausstattung und das Format des Bildträgers. Begleitet von typischen Bildbeispielen werden die Kriterien für eine Bildbestimmung genannt und im einzelnen beschrieben. Damit ist dem Sammlern ein Instrumentarium zur Verfügung gestellt, um Fotografien historisch einordnen. So kann man beispielsweise mit Hilfe des Mobiliars bei Personenaufnahmen vorgehen. Tisch und Stuhl gehören zu den Möbelstücken, die jedes Atelier ab den 1840er Jahren für Aufnahmen einsetzte. In den ersten beiden Dekaden lag auf dem Tisch meist eine gemusterte Decke, ab den 1880er Jahren fanden gelegentlich Tischteppiche Verwendung, danach blieben die Tische größtenteils unbedeckt. Schreib- und Beistelltische, Sessel, Hocker und Chaiselongue sowie Fußschemel kamen erst in den 1860er Jahren in Gebrauch. Ab den 1880er Jahren frequentierten Stühle und Bänke aus Naturhölzern - meist Birkenholz - viele Ateliers. In den 1890er Jahren kamen Paravents in Mode und hielten sich bis in die 1910er Jahre. Gute Anhaltspunkte für eine Datierung sind auch die Formate der Kartons, auf die das Foto geklebt wurde. Dann natürlich die darauf abgedruckten Namen samt Adresse der Fotografen. Wer also ein Foto des Goldbergers L. G. Kleffel besitzt, kann davon ausgehen, dass es zwischen 1857 und 1868 aufgenommen wurde, denn in diesem Jahr verließ er die Stadt.

Timm Starl: Bildbestimmung. Identifizierung und Datierung von Fotografien 1839 bis 1945. Jonas-Verlag Marburg, 68 Seiten, 322 teils farbige Abbildungen.

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