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Lokales

18. Oktober 2017 | 22:33 Uhr

Enteignet im Namen des Volkes

vom

svz.de von
erstellt am 13.Apr.2011 | 05:20 Uhr

Jülchendorf | Zwei Hektar Land hätte Friedrich Höldke (84) gern wieder in Familienbesitz. Seit mehr als 20 Jahren fordern acht Parteien, Nachfahren der früheren Büdner im Ort, insgesamt 17,05 Hektar Acker und Wiese zurück. Der Haken: Die Flächen liegen mitten im Wald zwischen Jülchendorf und Kobrow - der so genannte Rappensee war Jahrzehnte lang Teil des Militärgebiets und ist jetzt im Besitz der Bundesrepublik Deutschland. Vater Staat will die Flächen nicht mehr hergeben und beruft sich auf das Verteidigungsgesetz der DDR - Ansprüche ausgeschlossen.

"Da ist es." Friedrich Höldke kämpft sich zu Fuß durch Bäume hindurch, dann liegt eine große Freifläche vor ihm: der Rappensee, eine idyllisch anmutende Grasfläche, abgesenkt; an den Rändern stehen Jagd-Hochsitze, fünf Rehe springen davon.

In den Händen hält Höldke Papiere, darunter eine Flurkarte. Sie zeigt das Areal, wie es bis in die 1960er-Jahre genutzt war: parzelliert und aufgeteilt unter den acht Büdnereien. "Jeder hatte ein Stück Acker und drei Stücken Wiese", sagt der 84-Jährige.

Acht Büdner kauften 1874 Acker und Wiese am Rappensee

Am 5. Oktober 1874 hätten die acht in Jülchendorf ansässigen Büdner diese gut 17 Hektar Land am Weg nach Kobrow aus dem herzoglichen Bodenfonds erworben, weiß Höldke. Kaufpreis damals: 1337 Reichsmark - so stehe es im Kataster des Großherzoglichen Amtes in Warin. Während die übrigen Ländereien der Bauern-Familien aus "extrem ertragsarmen Böden" bestanden hätten, sei der Rappensee "das Hauptkettenglied der Wirtschaft" gewesen, sagt Höldke. Beste Süßgräser seien auf der Wiese gewachsen. 1935 habe sein Vater die Büdnerei gekauft. "Als er seine Schulden abbezahlt hatte, kam der Krieg, dann enteigneten ihn die Russen", sagt Höldke. "Jetzt enteignet die Bundesrepublik."

Zunächst seien die Flächen in die LPG Jülchendorf geflossen, später zur militärischen Nutzung an die NVA, dann kam die Bundeswehr. Als der letzte Soldat abzog, gehörten die Flächen der Bundesrepublik Deutschland, verwaltet von der Bundesforst.

Friedrich Höldke möchte die Enteignung zu DDR-Zeit nun rückgängig machen. "Einige Büdner wurden mit einem Spottpreis entschädigt", sagt er: 23 DDR-Pfennig je Quadratmeter. Seine Familie habe nie Geld erhalten. Immer wieder schrieb der Jülchendorfer seit 1990 Briefe an Behörden. Immer wieder bekam er Absagen. So zeigte das Büro des Ministerpräsidenten Mecklenburg-Vorpommerns im Jahre 2009 für seinen Wunsch "großes Verständnis". Jedoch sei die Rückübertragung nicht möglich. Grund: Die Flächen seien einst auf der Basis des Verteidigungsgesetzes, Paragraf 10, der DDR "in Anspruch genommen" worden. Dies sei nach Vermögensgesetz keine "schädigende Maßnahme"; es bestehe daher auch kein Anspruch auf Rückübertragung. Obwohl Wiese und Acker schon lange nicht mehr militärisch genutzt werden, behält der Bund sie ein. Dies bestätigte jetzt auch Stephan Bliemel, Sprecher des Finanzministeriums in Schwerin, gegenüber SVZ: "Die Rechtslage ist bundesgesetzlich geregelt und in dieser Frage eindeutig."

Friedrich Höldke versteht dies nicht. Andere Besitzer hätten ihre einstigen LPG-Flächen auch zurückerhalten. Er erinnere sich noch gut, wie die Familie in seiner Kindheit den Rappensee mit bewirtschaftete. "Ich habe dort schon mit zwölf Jahren mit der Sense gemäht."

Der Jülchendorfer blickt über den Rappensee. Das Gras ist gemäht. "Irgendjemand bewirtschaftet die Flächen doch", wundert sich der 84-Jährige.

Das stimmt, bestätigt Kurt Bastian, zuständiger Förster der Bundesforst. "Die Fläche ist jetzt verpachtet an ein landwirtschaftliches Unternehmen." Ein Öko-Landwirt holt Höldkes Süßgräser von den Wiesen. Die Bundesforst nutze sie außerdem zur Ausrichtung von "Verwaltungsjagden", so Bastian.

Friedrich Höldke schüttelt den Kopf. Kürzlich habe das Land Mecklenburg-Vorpommern der Herzogin Donata 400 Hektar Wald für Kunstschätze geben wollen, aber er gelange nicht wieder an seine Flächen. Sonst werde die SED-Diktatur in vielen Bereichen gebrandmarkt; hier berufe sich der Rechtsstaat ausgerechnet auf DDR-Recht. "Da braucht man sich doch nicht über Politikverdrossenheit zu wundern", so Höldke. Er werde den Kampf um den Rappensee im Wald bei Jülchendorf noch nicht aufgeben.

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