"Einsparung ist künstlich errechnet"

Norbert Reier setzt sich dafür ein, Kompetenzen von Mitarbeitern der Kreisverwaltung künftig auf die Standorte der  jeweiligen Ämter zu verteilen. Ilja Baatz
Norbert Reier setzt sich dafür ein, Kompetenzen von Mitarbeitern der Kreisverwaltung künftig auf die Standorte der jeweiligen Ämter zu verteilen. Ilja Baatz

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19. Mai 2010, 01:57 Uhr

plau am see | Sowohl die Schaffung eines Großkreises in gedachter Form als auch die Konzentration des momentanen Streites um den Kreissitz gehen für Norbert Reier, Bürgermeister von Plau am See und Leitender Verwaltungsbeamter des Amtes Plau am See, am Bürger als wichtigstem Punkt vorbei. "Mit allen bisher vorgestellten Varianten löst man die Probleme nicht", sagt er. "Egal, ob zum Beispiel ein Plauer nach Ludwigslust fahren müsste, um sein Auto anzumelden, oder ein Boizenburger gezwungen wäre, nach Parchim zu kommen - alles ist Nonsens. Es muss darum gehen, im Verwaltungssitz vor Ort eine Anlaufstelle für alle Aufgaben zu schaffen."

Die in Aussicht gestellte Einsparung sei künstlich errechnet, weil sie - so überhaupt - nur die Verwaltung, nicht jedoch die Bürger berücksichtige. "Ob 20 Leute zu einem Mitarbeiter des Landkreises fahren müssen oder umgekehrt, ist ein riesiger Unterschied!", sagt Reier. "Die momentane, für den Laien nicht zu überblickende und verwirrende Aufgabenteilung zwischen Landkreis und Kommune ist eine Fehlkonstruktion und von Kompetenzgerangel gekennzeichnet. Es gibt rechtliche Rahmen, die auch für die Bevölkerung gelten, so dass nicht alles, was sie will, machbar ist. Aber es gibt einen Anspruch auf eine schnelle Antwort."

Verwaltung werde immer weiter verkompliziert anstatt sie zu vereinfachen. Die Ministerien als höchste Ebene hätten zum Beispiel Mitarbeiter in Erfindungen wie das Amt für Umwelt und Kultur und das Amt für Straßenbau lediglich ausgelagert, diesen Schritt in der Öffentlichkeit jedoch als Ersparnis verkauft: "Ein Trugschluss, denn es ist nichts weiter geschehen, als dass man nach den Ministerien und vor Landkreis sowie Ämtern eine weitere Leitungsebene geschaffen hat."

Reier wolle nicht den Kreis in Frage stellen und auch sein Sitz sei unentscheidend. Wenn es gelänge, die Aufgaben anders zu organisieren, könne man sich eine Reform - in welcher Ausrichtung auch immer - sparen. "In jetziger Diskussion geht es doch nur darum, ob ich zwei rund 500 Mitarbeiter starke Verwaltungen an einem Standort konzentriere", sagt der Leiter. "Welcher Vorteil ergibt sich daraus, wenn es dabei bleibt? Gar keiner. Von mir aus können sowohl Ludwigslust als auch Parchim Kreisstadt bleiben. Verwaltet werden muss und deshalb braucht man einen zentralen Sitz. Die Frage ist nur, wie ich diese Aufgabe bewältige."

Um möglichst alle Anfragen/Anliegen vor Ort bedienen zu können, sei Kompetenz gefragt, die die Mitarbeiter der Kreise erfüllten. Auf die Fragen, wie Verwaltung in einem Flächenland am besten wirksam werde und was dafür in Bewegung zu setzen ist, gebe es nur eine Antwort: "Die Verwaltung arbeitet nicht im Sinne der Öffentlichkeit, wie sie es soll, wenn sie mit 1000 Leuten weit weg von allen an einem Ort sitzt, sondern dann, wenn ihre Mitarbeiter auf die Amtsverwaltungen verteilt werden. Dann wäre niemand mehr gezwungen, halbe Weltreisen zu unternehmen, weil er den zentralen Verwaltungssitz aufsuchen muss."

Schaffe man weiter Kreissitze ab, werde der viel zitierte "demografische Wandel" negativ beschleunigt. Sei künftig beispielsweise der Parchimer Verwaltungsmitarbeiter gezwungen, in Ludwigslust zu arbeiten, werde er in der Regel über kurz oder lang seinen Wohnsitz an den Arbeitsort verlagern. "Dies trägt dazu bei, dass die kommunale Ebene weiter ausblutet, wodurch sich zum Beispiel auch Finanzzuweisungen verringern", meint Reier. "Eine Folge, die sowohl in Parchim als auch in Ludwigslust durchschlagen könnte, aber vermeidbar wäre."

Während sich ein Landtagsabgeordneter mit nichts anderem als mit Politik beschäftige, übe ein Kreistagsabgeordneter sein Amt ehrenamtlich meist zusätzlich zu seiner Arbeit aus. Dies wäre in einem Gebiet mit der vorhergesehenen Größe noch schwerer zu bewältigen: "Ohne Zuarbeit wird dies nicht möglich sein. Die Frage ist, wer sie leisten soll. Aus der Verwaltung darf es niemand sein, denn der Kreistag ist ihr Kontrollorgan. Auf jeden Fall bedeutete auch dies zusätzliche Arbeit."

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