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Lokales

12. Dezember 2017 | 11:32 Uhr

Einheitsgebäude im vornehmen Anzug

vom

svz.de von
erstellt am 04.Mai.2010 | 09:05 Uhr

Altstadt | Jeden Tag rollen hunderte Autos an ihr vorbei, ebenso viele Bahnreisende erhaschen ein Blick auf den silbrig glänzenden Container mit der Wellenfront: die Sporthalle an der Reiferbahn. Vor wenigen Wochen wurde sie mit dem Anerkennungspreis des Bundes Deutscher Architekten in MV aus gezeichnet. Doch den öffentlichen Diskurs über moderne Architektur in der Residenzstadt, den vermissen ihre Schöpfer, die Schweriner Architekten Prof. Gerd Jäger und Joachim Brenncke, bis heute. "Wer Schwerin besucht, kommt meistens wegen der Architektur. Doch wo findet er Architektur des 20. und 21. Jahrhunderts?"

Zum Beispiel an der Reiferbahn. Und wie reagieren die Schweriner darauf? Er habe bisher nicht allzu viel öffentliche Resonanz erfahren, sagt Gerd Jäger. "In der Klasse meiner Tochter heißt die Sporthalle heute einfach Käsereibe." Ein Bild, das ihm gefällt.

Eine andere Reaktion: Im Vorbeifahren war durch das Zugfenster ein Kritiker auf das Gebäude aufmerksam geworden. Seine Geschichte unter dem Titel "Stadtmauer aus Aluminium-Streckmetall" veröffentlichte er schließlich in der Fachzeitschrift "Bauwelt". "Das war für uns der letzte Ansporn, die Arbeit zum Landes-Wettbewerb einzureichen", sagt Gerd Jäger, der selbst Vorsitzender des BDA Mecklenburg-Vorpommern ist. In diesem Jahr durfte er deshalb erstmals nicht in der Jury sitzen und die insgesamt 14 eingereichten Arbeiten begutachten.

Die Halle an der Reiferbahn besticht zwar durch ihre ungewöhnliche Fassade, gekostet hat sie allerdings genauso viel wie jede andere klassisch verputzten Sportstätten auch. Die Maße richten sich nach der Deutschen Industrienorm: DIN 18053-Turnhalle mit Tribünenplätzen für 199 Zuschauer. Gesamtkosten: 2,8 Millionen Euro. "Wir haben einfach an anderen Stellen gespart, um diesem Einheitsgebäude einen vornehmen Anzug zu verpassen", sagt Jäger. "Innen gibt es einfachen Sichtbeton und geputzte Wände, auf Fliesen haben wir, außer in den Sanitärräumen, komplett verzichtet." In dem, wie er es nennt, "unwirklichen Raum" zwischen Innenstadt, Parkplätzen und Eisenbahnlinie entstand so "eine Box, ein riesengroßer Container", der optisch all das verbinden und gleichzeitig einen städtebaulichen Akzent setzen sollte. Das gewölbte Aluminium-Streckmetall vermittelt dabei den Eindruck, dass sich die Halle bewegt und beugt. Gleichzeitig ist es durch seinen Gitter-Charakter so gut wie Graffiti-resistent. "Streckmetall wurde übrigens auch beim Grenzzaun der DDR verwendet", sagt Jäger. "Aber unsere Fassade soll kein Fingerzeig auf die Geschichte sein. Es ist einfach ein hervorragendes Material."

Weil sich die Statik der Konstruktion nicht berechnen ließ, wurde eine sechs Meter hohe Muster-Wand in Hamburg errichtet, so Jäger. Gemeinsam mit dem Bauherrn, der Stadt nämlich, entschied man sich dann für die heute präsentierte und prämierte Variante.

Eine ähnliche Turnhalle wie die an der Reiferbahn hat Jäger vor vielen Jahren für Trier entworfen, die Stadt, aus der er stammt. In Schwerin hat er sich 1993 niedergelassen. Ihn reizen bis heute vor allem die Baulücken und das damit verbundene städtebauliche Entwicklungspotenzial. "Hier kann sich die Stadt noch verändern", sagt er. Und: "Gute Architektur ist von keiner Mode abhängig. Sie muss zeitlos sein." Er hofft, dass die Halle an der Reiferbahn in 50 Jahren noch steht, gefällt - und Touristen in die Stadt lockt.

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